Forensikforum: „Wie aus Opfern Täter werden“
Eine schwere Kindheit erklärt nicht alles

Münster-Amelsbüren -

Opfer haben etwas sehr Schlimmes erlebt. Warum werden manche von ihnen selbst zu Tätern? Darüber referierte beim Forensik Forum im Kunsthaus Kannen Prof. Dr. Robert Bering, Chefarzt des Zentrums für Psychotraumatologie der Alexianer in Krefeld.

Sonntag, 15.03.2020, 04:48 Uhr aktualisiert: 15.03.2020, 07:10 Uhr
Referent war Prof. Dr. Robert Bering, der Chefarzt des Zentrums für Psychotraumatologie der Alexianer in Krefeld.
Referent war Prof. Dr. Robert Bering, der Chefarzt des Zentrums für Psychotraumatologie der Alexianer in Krefeld. Foto: ske

„Ich bin Sexualstraftäter, weil ich selbst missbraucht wurde“. Diese Aussage mag sich für Laien wie eine billige Ausrede anhören, doch in ihr steckt oft viel Wahres.

Über die Frage, warum Opfer zu Tätern werden, referierte beim Forensik Forum im Kunsthaus Kannen am Donnerstag Prof. Dr. Robert Bering . Er ist der Chefarzt des Zentrums für Psychotraumatologie der Alexianer in Krefeld.

Ins Leben gerufen wurde das Forum vor 20 Jahren, um die Öffentlichkeit auf den Bau der Christopherus Klinik in Amelsbüren vorzubereiten und eine Akzeptanz für die Einrichtung zu schaffen.

Und so kamen auch am Donnerstag mehr als 60 Gäste ins Kunsthaus Kannen. Unter den Zuhörern befanden sich viele Mitarbeiter der Forensik, Psychologie-Studenten, aber auch interessierte Bürger.

Der Chefarzt der Amelsbürener Christophorus-Klinik, Prof. Dr. Dieter Seifert, führte in das Thema des Abends ein: „Oft herrscht in der Öffentlichkeit ein schwarz-weiß Denken in dem sich zwei Pole gegenüberstehen: Der böse Täter und das gute Opfer. Aber so einfach ist es nicht, denn häufig werden Opfer selbst zu Tätern“.

Ausführlich erläuterte dies der eingeladene Psychotraumatologe Bering in einem einstündigen Vortrag: „Es gibt oft eine sehr enge Beziehung zwischen schweren Traumata in der Kindheit und später begangenen Straftaten“.

Eine Studie zur Traumabiografie von Jugendlichen zeige beispielsweise, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die Sexualdelikte begangen haben, als Kind selbst sexuell misshandelt worden waren. Um zu verstehen, warum dies der Fall sei, müsse man sich das Trauma „als unterbrochene Handlung“ vorstellen.

Das Trauma belaste das Opfer fortwährend, welches deswegen versuche, die unterbrochene Handlung zu beenden. Für einige erscheine es unterbewusst, als sei die selbst begangene Tat eine Möglichkeit dafür.

„Die Aufgabe eines Psychotherapeuten ist es, dem Täter eine bessere Alternative aufzubauen, um aus diesem Kreis auszubrechen. Dies kann beispielsweise die Aussicht auf ein geregeltes Leben oder gar Verzeihung dem eigenen Täter gegenüber sein. Außerdem ist es wichtig, dass der Patient versteht, warum er vom Opfer zum Täter geworden ist“, erklärte Bering.

Trotzdem sei es kein Automatismus, dass Opfer später selbst Straftaten begehen. Denn dies sei meist nur der Fall wenn andere Kompensationsmechanismen nicht funktionierten. So seien laut Bering ungefähr 40 Prozent seiner Patienten ohne Ausbildungsabschluss und jeder Zehnte ein Analphabet.

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