Jakob Schulze Pals war für Namibias einzige deutschsprachige Zeitung tätig
Täglich zwei Seiten Sport

Münster-Hiltrup -

Seit September letzten Jahres lebte Jakob Schulze Pals aus Hiltrup für ein halbes Jahr in Afrika. Für unsere Zeitung berichtet er von seinen Erfahrungen.

Dienstag, 07.04.2020, 12:27 Uhr aktualisiert: 07.04.2020, 18:16 Uhr
Vier Monate lebte Jakob Schulze Pals aus Hiltrup in Tansania und Namibia. In Namibia arbeitete er bei der deutschsprachigen „Allgemeinen Zeitung“ (AZ) mit.
Vier Monate lebte Jakob Schulze Pals aus Hiltrup in Tansania und Namibia. In Namibia arbeitete er bei der deutschsprachigen „Allgemeinen Zeitung“ (AZ) mit. Foto: Jakob Schulze Pals

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Die ersten vier Monate verbrachte der Kant-Abiturient in Namibias Hauptstadt, Windhuk, und absolvierte dort ein Praktikum bei der „Allgemeinen Zeitung“. Anschließend ging es nach Tansania, wo der 18-Jährige bis Ende März als Fußballtrainer bei der „Sports Charity“ aktiv war, ehe er bedingt durch den Ausbruch des Coronavirus seinen Auslandsaufenthalt frühzeitig beenden musste.

Selbst für namibische Verhältnisse ist die „Allgemeine Zeitung“ (AZ) mit einer täglichen Auflage von 4000 Exemplaren klein. Aber die Gruppe derer, die sie lesen kann, ist auch nicht besonders groß. Nur rund 20 000 der nur zweieinhalb Millionen Namibier sind deutschsprachig.

Namibia ist fast zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland. Die mit Abstand größte Stadt des Landes ist Windhuk, die Hauptstadt, die mit über 350 000 Einwohnern aber auch nur wenig größer als Münster ist.

Hier sitzen Verlag und Redaktion der AZ. Acht Seiten täglich produziert die neunköpfige Redaktion, darunter zwei Praktikanten, von montags bis samstags. Von Anfang Oktober bis Ende Dezember letzten Jahres durfte Jakob Schulze Pals für den Sportteil der AZ schreiben. Täglich haben sein Kollege Stefan Noechel, ein waschechter Namibier, und er ­zu­meist zwei Seiten produziert, eine mit dem Sport in Namibia und eine mit dem Sport aus aller Welt. International berichtet sie vor allem über die erste und zweite Fußball-Bundesliga in Deutschland.

Bei den anderen Zeitungsressorts ging es dagegen vor allem um namibische Themen. Dabei spielt die AZ eine ganz besondere Rolle in der namibischen Medienlandschaft. Sie ist gegenüber der Regierung und anderen Organisationen kritischer und berichtet unabhängiger als viele andere Zeitungen des Landes – auch die des eigenen Verlags.

Die Namibia Media Holdings ist einer der größten Medienkonzerne des Landes. Das Unternehmen gibt neben der AZ noch das englischsprachige Boulevardblatt „Namibian Sun“ und den „Republikein“ heraus, der auf Afrikaans erscheint. Dass die AZ kaum Profit abwirft, ist kein Geheimnis. Dennoch ist ihr Platz als kritisches Blatt und Sprachrohr der Deutschen in Namibia nicht gefährdet.

Namibia hat eine für afrikanische Verhältnisse recht stabile Demokratie, urteilt Jakob Schulze Pals. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1989 regiert nur eine Partei, die SWAPO. Aber die Macht bröckelt. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Herbst 2019 erhielt Präsident Hage Geingob nur rund 56 Prozent der Stimmen, fünf Jahre früher waren es noch 86 Prozent gewesen.

Namibia ist ein Land voller Gegensätze: Zwischen arm und reich klafft eine Riesenlücke, viele verschiedene Volksgruppen müssen miteinander klarkommen. Und dennoch ist die Freundlichkeit der Menschen beeindruckend und ansteckend.

Ausführliche Einblicke über die Erfahrungen, die Jakob Schulze Pals in Namibia und Tansania machen durfte, sind im Online-Auftritt unserer Zeitung unter wn.de zu finden.

 

 

 

Hier die ausführliche Fassung:

 

 

Nach dem Abitur ab nach Afrika

Seit September letzten Jahres lebte Jakob Schulze Pals aus Hiltrup für ein halbes Jahr in Afrika. Die ersten vier Monate verbrachte der Kant-Abiturient in Windhoek, der Hauptstadt Namibias. Dort machte er ein Praktikum bei der deutschsprachigen Allgemeinen Zeitung, die seit 104 Jahren in der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika erscheint.

Ende Januar zog der 18-jährige weiter nach Tansania. In Mwanza am Viktoriasee arbeitete Jakob als freiwilliger Fußballtrainer für die „Sports Charity“. Das ist eine Hilfsorganisation, die mit Spendengeldern Sportstätten aufbaut, Vereine gründet und Training für Jugendliche anbietet. Mitte März erreichte das Corona-Virus auch Tansania und Jakob musste drei Monate früher als geplant zurück nach Hiltrup.

„Ich wollte nach dem Abitur nicht direkt mit dem Studium beginnen. Afrika hat mich schon immer interessiert. Es war eine tolle Chance, gleich zwei Länder kennenzulernen. Außerdem konnte ich mir in Ruhe überlegen, wie es danach für mich weitergehen soll“, beschreibt der junge Hiltruper seine Motive. Für die WN berichtet Jakob in einer mehrteiligen Serie über seine Erfahrungen in Afrika.

Teil 1

Eine Zeitung, die kaum einer lesen kann

Die kurze deutsche Kolonialzeit in Südwestafrika war kein Ruhmesblatt für unser Land. Dennoch leben noch heute rund 20.000 Deutschsprachige in Namibia. Seit über 100 Jahren lesen sie die Allgemeine Zeitung. Jakob Schulze Pals hat drei Monate für die älteste Zeitung Namibias gearbeitet.

Selbst für namibische Verhältnisse ist die „Allgemeine Zeitung“ (AZ) mit einer täglichen Auflage von 4.000 Exemplaren klein. Aber die Gruppe derer, die sie lesen kann, ist auch nicht besonders groß. Nur rund 20.000 der nur zweieinhalb Millionen Namibier sind deutschsprachig - weniger als Hiltrup Einwohner hat.

Namibia ist fast zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland – größer als Polen, Österreich, die Niederlande und Deutschland zusammen. In den meisten Landesteilen ist der Weg zum nächsten Nachbarn weit. Statistisch wohnen nur gut zwei Menschen auf einen Quadratkilometer, in Deutschland sind es mehr als 230.

Die mit Abstand größte Stadt des Landes ist Windhoek, die Hauptstadt, die mit über 350.000 Einwohnern aber auch nur wenig größer als Münster ist. Hier sitzen Verlag und Redaktion der AZ. Acht Seiten täglich produziert die neunköpfige Redaktion, davon zwei Praktikanten, von montags bis samstags.

Jeden Tag acht Seiten

Von Anfang Oktober bis Ende Dezember letzten Jahres durfte ich für den Sportteil der AZ schreiben. Täglich haben mein Kollege Stefan Noechel, ein waschechter Namibier, und ich zwei Seiten produziert, eine mit dem Sport in Namibia und eine mit dem Sport aus aller Welt. International berichten wir vor allem über die erste und zweite Fußball-Bundesliga in Deutschland. Selbst über Handball und Eishockey in Deutschland informieren wir unsere Leser regelmäßig, obwohl diese Sportarten in Namibia überhaupt keine Rolle spielen.

Bei den anderen Ressorts, Politik, Inland oder Gesellschaft geht es dagegen vor allem um namibische Themen. Dabei spielt die AZ eine ganz besondere Rolle in der namibischen Medienlandschaft. Sie ist gegenüber der Regierung und anderen Organisationen viel kritischer und berichtet unabhängiger als die meisten anderen Zeitungen des Landes – auch die des eigenen Verlags.

Die Namibia Media Holdings ist eines der größten Medienkonzerne des Landes. Das Unternehmen gibt neben der AZ noch das englischsprachige Boulevardblatt „Namibian Sun“ und den „Republikein“ heraus, der auf Afrikaans erscheint. Die Sprache entwickelte sich vor vielen Jahrhunderten aus dem Niederländischen zu einer eigenen Sprache und wurde ursprünglich nur von den weißen Buren in Südafrika gesprochen. Heute ist Afrikaans in nahezu allen Volksgruppen verbreitet.

Klein und kritisch

Dass die AZ kaum Profit abwirft, ist kein Geheimnis. Dennoch ist ihr Platz als kritisches Blatt und Sprachrohr der Deutschen in Namibia nicht gefährdet. Namibia hat eine für afrikanische Verhältnisse recht stabile Demokratie. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1989 regiert nur eine Partei, die SWAPO, mit absoluter Mehrheit. Sie ist aus der gleichnamigen ursprünglichen Widerstandsbewegung entstanden, die jahrzehntelang auch mit Gewalt für die Unabhängigkeit von Südafrika kämpfte. Das danken die Wähler der Partei bis heute. Aber die Macht bröckelt. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Herbst 2019 erhielt Präsident Hage Geingob nur rund 56 % der Stimmen, fünf Jahre früher waren es noch 86 %!

Mit zu diesem Wahlergebnis beigetragen hat auch die AZ. Kurz vor den Wahlen wurde ein Korruptionsskandal aufgedeckt, der sowohl den Fischerei- als auch den Justizminister das Amt kostete. Mitten drin in der Berichterstattung die AZ, die sich als Mahner und Kritiker von Fehlentwicklungen versteht.

Namibia ist ein Land voller Gegensätze: Zwischen arm und reich klafft eine Riesenlücke, viele verschiedene Volksgruppen müssen miteinander klarkommen. Und dennoch ist die Freundlichkeit der Menschen beeindruckend und ansteckend. Das habe ich bei meinem dreimonatigen Arbeitseinsatz und anschließender Rundreise durch das Land immer wieder festgestellt.

Teil 2

Vuvuzela und Currywurst

Bei uns undenkbar: In Namibia lässt der Präsident die Fußballnationalmannschaft zu einem privaten Länderspiel antreten, um seine Wiederwahl zu sichern. Der Hiltruper Jakob Schulze Pals war im Rahmen seines dreimonatigen Praktikums bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek live dabei und berichtet von seinen Eindrücken.

Wo kann man mehr über ein Land lernen als im Fußballstadion? Das gilt in Deutschland, das gilt auch in Namibia. Es ist Samstagnachmittag. Als Sportredakteur der „Allgemeinen Zeitung“ (AZ), der ältesten Tageszeitung Namibias und der einzigen deutschsprachigen Zeitung auf dem afrikanischen Kontinent, berichte ich kurz vor den Präsidentschaftswahlen vom Dr. Hage Geingob-Cup. Es ist bereits mein drittes Länderspiel, über das ich berichten darf. Die namibische Mannschaft ist noch ganz euphorisiert vom vergangenen Sieg gegen Madagaskar und der damit verbundenen Qualifikation zur afrikanischen Nationenmeisterschaft.

Fußball und Politik

Der Dr. Hage Geingob-Cup ist aber kein normales Länderspiel. Das Ein-Spiel-Turnier wird einzig und allein zu Ehren des namibischen Präsidenten Dr. Hage Geingob ausgetragen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass das Spiel kurz vor den Präsidentschaftswahlen stattfindet, bei denen sich Geingob zur Wiederwahl stellt.

Deshalb ist es auch kein offizielles Pflichtspiel nach den Regularien des Weltfußballverbandes FIFA. Es ist nur ein privates Treffen zweier Nationalmannschaften. Anders ginge es auch gar nicht, denn die FIFA-Statuten verbieten politische Botschaften in Fußballstadien. Das ist auch gut so. Entsprechend negativ fällt mein Kommentar zum Spiel in der AZ aus.

Namibias Gegner Sambia scheint das politische Schauspiel nicht zu stören. Das Sam-Nujoma-Stadion, das mitten in Windhoeks ärmerem Stadtviertel Katutura liegt, ist gut gefüllt, zumindest zur Halbzeit. Die Namibier lassen sich vom offiziellen Anpfiff bei der Anreise zum Stadion nicht großartig beeinflussen. Viele Fans trudeln erst mit halbstündiger Verspätung ein, was allerdings teilweise auch daran liegt, dass eine falsche Anstoßzeit auf den Tickets steht. „Das ist Afrika“, pflegt mein Redakteurskollege Stefan in solchen Fällen immer zu sagen.

Laut und bunt

Die Frauen haben sich schick gemacht und Namibia-Flaggen in die gewaltige Haarpracht gesteckt. Die Männer tragen dagegen in der Regel das Trikot ihres Lieblingsklubs, so dass man beim Blick auf die Tribüne auch der Meinung sein könnte, dass Manchester United gegen Real Madrid spielt.

Natürlich darf auch die berühmte Vuvuzela nicht fehlen. Das rund ein Meter lange Blasinstrument hat viele europäische Fußballfans bei der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 regelrecht zur Weißglut getrieben. Hier im Süden Afrikas liebt man dagegen die nervigen Töne der Vuvuzela.

Das Publikum ist erwartungsfroh. Livefußball ist in Namibia selten geworden, seit die FIFA die nationale Fußballliga wegen Verstößen gegen die Verbandsbestimmungen ausgesetzt hat. Deshalb werden die „Brave Warriors“, wie Namibias Nationalelf genannt wird, leidenschaftlich unterstützt. Genutzt hat das den Hausherren wenig. Die Gäste aus Sambia werden ihrer Favoritenrolle gerecht und gewinnen nach einem abgezockten Auftritt mit 2:0. Das hat sich der Präsident sicher anders vorgestellt.

Abends Bundesliga

Nur drei Stunden später sitze ich am anderen Ende der Stadt im Vereinsheim des Deutschen Turn- und Sportvereins in Windhoek. An den Wänden hängen Wimpel von Alemannia Aachen, Rot-Weiss Essen und auch von Preußen Münster.

Die beiden organisierten Fanclubs des Landes, die „African Buffaloes Borussia Dortmund“ und der „FC Bayern München Namibia“ haben sich zum gemeinsamen Fußballgucken des Bundesliga-Topduells zwischen dem FC Bayern und dem BVB getroffen. Es gibt Currywurst und Brezeln.

Vor mir sitzt Klemens und erzählt vom Dortmunder Champions-League-Erfolg 1997. Da war ich noch gar nicht geboren. Dass ich mich gerade in Afrika befinde, bemerke ich erst wieder bei der Heimfahrt, als der Taxifahrer zu landestypischen Gospelklängen sein Abendessen zu sich nimmt: Bier und Chips.

Teil 3

Afrikanische Vielfalt

Afrika ist nicht gleich Afrika. Die kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede sind riesig. Nach vier Monaten in Namibia bricht der Hiltruper Jakob Schulze Pals seine Zelte im Südwesten Afrikas ab und zieht weiter ins ostafrikanische Tansania. Aus dem Redakteur wird ein Fußballtrainer.

Nach einem stressigen Reisetag quer durch den afrikanischen Kontinent, spuckt mich das Flugzeug am 21. Januar erneut in einer völlig neuen Welt aus. Meine Zeit in Namibia ist abgelaufen. Ab jetzt lebe ich in Tansania. Mwanza ist meine neue Heimat für die kommenden fünf Monate. Die Stadt liegt im Norden des Landes unmittelbar am Viktoriasee und ist mit über 800.000 Einwohner eine echte Großstadt.

Sport fördern

Auch meine neue Aufgabe ist eine ganz andere als die bei der Zeitung. In Namibia arbeitete ich vor allem am Schreibtisch im klimatisierten Büro, in Tansania bin ich in erster Linie draußen. Als Freiwilliger der „Sports Charity Mwanza“ stehe ich die meiste Zeit auf dem Fußballplatz. Die „Sports Charity“ baut mit Spenden Sportstätten für die vier populärsten Sportarten des Landes, Basketball, Volleyball, Netball und Fußball. Die Organisation gründet Vereine und stellt diesen Trainingsmaterialien zur Verfügung.

Die Freiwilligen unterstützen die einheimischen Trainer bei der Trainingsgestaltung, bei der Organisation von Turnieren und beim regelmäßigen Spielbetrieb. Darüber hinaus greifen sie den Trainern auch in inhaltlichen Fragen unter die Arme. Meine 13 Jahre Erfahrung als Vereinsspieler, unter anderem für den TuS Hiltrup, Preußen Münster und Münster 08 sind für diese Aufgabe ganz hilfreich.

Der Sport hat in Tansania eine viel größere Bedeutung als in Deutschland. Fast neun von zehn Jugendlichen sind arbeitslos. Die jungen Menschen haben vor allem eines: gähnende Langeweile. Der Sport bietet die Möglichkeit, Erfolgserlebnisse zu sammeln und den afrikanischen Sporthelden auf dem Platz nachzueifern.

In der Regel arbeiten immer vier bis acht Freiwillige gleichzeitig bei der „Sports Charity“. Meine Mitfreiwilligen kommen aus Deutschland und Frankreich. Jeder Freiwillige ist einer der vier Sportarten zugeordnet und arbeitet dann mit den verschiedensten Mannschaften in den jeweiligen Altersklassen.

Das hört sich leichter an als es ist. Nicht immer sind die Kinder und Jugendlichen so diszipliniert, wie wir Trainer uns das wünschen. Wenn der Ball rollt, rennen alle am Liebsten wild hinterher. Deshalb braucht man als Trainer Geduld, bis die Mannschaften so konzentriert arbeiten, wie wir uns das wünschen. Das ist harte Arbeit, zumal auch die Platzverhältnisse nicht mit europäischen Maßstäben zu vergleichen sind. Die Mannschaft taktisch schulen und nebenbei noch den nächsten Top-Spieler für die Bundesliga entdecken, davon kann man träumen. Damit rechnen sollte man nicht.

Ist es sinnvoll, was wir tun?

Neben der täglichen Trainingsgestaltung und den Gesprächen mit den lokalen Trainern und Funktionären gehören auch Diskussionen zur Ausrichtung und Nachhaltigkeit des Projektes zu unserem Tagesprogramm. Eindrücke, dass wir den Vereinen nur den europäischen Stempel aufdrücken und eine westliche Weltanschauung etablieren wollen, sollen auf keinen Fall entstehen. Wir möchten gemeinsam in Zusammenarbeit mit den einheimischen Trainern vor Ort einen Amateursport für jeden ermöglichen.

Dazu gehört auch, dass wir Freiwilligen uns anpassen. Daher wird jeden Vormittag in der Gruppe die Landessprache Swahili gepaukt. Denn nur mit Englisch kommt man in Tansania nicht überall weiter.

Nach Feierabend fahren wir häufig mit einem der zahlreichen Kleinbusse (Daladalas) oder Motorradtaxis (Pikipikis) in die Stadt und treffen uns mit den tansanischen Mitarbeitern der Charity zum Essen. Dann steht oft Ugali auf dem Tisch, ein Maisbrei, der meist mit Bohnen gegessen wird.

Wohnen im eigenen Haus

Wir Freiwilligen wohnen alle gemeinsam in einem von der Charity angemieteten Haus. Im Haushalt und bei alltäglichen Fragen werden wir von einer Familie aus der Nachbarschaft unterstützt. Die beiden Söhne der Mutter, die wir alle nur „Mama“ rufen, verbringen den größten Teil des Tages mit uns. Sie bringen uns der tansanischen Lebensweise nahe, machen uns mit Stadt und Leuten vertraut und locken uns aus unserer Komfortzone.

Mwanza ist Afrika pur

Mwanza ist eine klassische afrikanische Großstadt. Weiße sind im Straßenbild eine echte Attraktion. Dafür mischen sich die unterschiedlichsten afrikanischen Volksgruppen und Religionen. Muslime und Christen leben friedlich zusammen. Es gibt wohlhabende Viertel, aber viel mehr Menschen leben am Existenzminimum. Dennoch sind die Menschen sehr herzlich und liebevoll.

Teil 4

Keine Chance gegen Corona

Als sich das Corona-Virus Mitte März in Ostafrika ausbreitet, muss Jakob Schulze Pals Hals über Kopf seinen Freiwilligendienst in Tansania abbrechen und nach Deutschland zurückehren. Eigentlich wollte der Hiltruper dort noch bis Ende Juni als Fußballtrainer für die „Sports Charity Mwanza“ arbeiten.

In Tansania haben wir lange Zeit vom Corona-Virus nicht wirklich etwas mitbekommen. Selbst als die Pandemie Deutschland schon fest im Griff hat, ist die Lage in Ostafrika noch sehr entspannt. Das ändert sich allerding schlagartig, als die ersten Corona-Fälle in Tansania bestätigt werden.

Corona erreicht Tansania

Mitte März erreich Covid-19 offiziell auch Tansania. In der Hauptstadt Dar es Salaam, in Arusha und auf Sansibar gibt es die ersten Corona-Infizierten. Die tansanische Regierung reagiert umgehend und schließt alle Schulen, Universitäten, Restaurants und Clubs.

Die deutsche Botschaft empfiehlt daraufhin allen Deutschen, das Land zu verlassen, auch wenn Tansania nicht zu den Hochrisikogebieten gehört. Die Dunkelziffer an möglichen Corona-Infizierten ist allerdings hoch, weil sehr wenig getestet wird.

Der Leiter der „Sports Charity Mwanza“, Jürgen Seitz, organisiert von Deutschland aus noch am selben Abend eine Telefonkonferenz und gibt uns den Rat, unsere Zelte in Tansania abzubrechen und nach Hause zu fliegen. Es gebe für uns nichts mehr zu tun. Als Trainer dürften wir nicht mehr arbeiten. Außerdem könne es sein, dass die Gesundheitsversorgung zusammenbreche.

Diese Botschaft ist ein Schlag für uns Freiwillige. Sie kommt aus dem Nichts. Bisher haben wir über das Virus eher Witze gerissen und uns nicht wirklich damit beschäftigt, und jetzt sollen wir plötzlich zurück nach Deutschland? Einem Land, das von der Pandemie derzeit viel stärker betroffen ist, als Tansania.

Abwägen, diskutieren, hadern

Dabei haben wir noch so viel vor. Ende März sollte unsere erste Tour durch das Land starten. Von Arusha, idealer Ausgangspunkt für Safaris, wollen wir über die Hauptstadt Dar es Salaam zur Ferieninsel Sansibar reisen. Außerdem steht noch ein Besuch der auch in Deutschland bekannten Serengeti an und eine Wanderung auf den Kilimanjaro, den höchsten Berg Afrikas.

Wir diskutieren in der Gruppe, informieren uns eingehender über die Situation und versuchen die Ernsthaftigkeit der Lage zu begreifen. Draußen auf der Straße ist von Corona nichts zu spüren. Bars und Restaurants sind trotz Verbots weiter geöffnet, die Leute scheinen nicht besorgt zu sein.

Selbst meine tansanischen Freunde nicht. Die meisten sind überzeugt, dass sich Corona in Afrika nicht groß ausbreiten wird. Einige glauben sogar, dass sich Schwarze gar nicht mit dem Virus anstecken können. Ihre Sorge, an Ebola, Malaria oder Aids zu erkranken und zu sterben, ist viel größer. Diese Krankheiten seien doch die wirklichen Matatizos (Swahili für Probleme), argumentieren sie.

Corona ist für Tansania noch gefährlicher als für Deutschland

Dabei kann das Virus vor allem in afrikanischen Ländern zu einer dramatischen Lage führen. In Tansania ist die medizinische Versorgung in einem schlechten Zustand. Fast niemand ist krankenversichert oder hat je einen Arzt besucht. Gerade in der Hochphase von Corona wird das Gesundheitssystem zusammenbrechen. Davon bin ich überzeugt.

Außerdem kann das öffentliche Leben in Tansania gar nicht in dem Maße zurückgefahren werden, wie in Deutschland. Die meisten Familien verdienen mit dem Verkauf von den im Garten angebauten Lebensmitteln ihren knappen Lebensunterhalt. Zudem leben die Menschen nicht in geschlossenen Häusern, wie in Deutschland. Der morgendliche Gang zum Markt ist unausweichlich, um den täglichen Bedarf an Essen und Wasser zu decken. Viele Nachbarhäuser teilen sich eine Außen-Küche. Die Ansteckungsgefahr wird dadurch erheblich erhöht. Zudem leben in einem Haus zumeist drei oder mehr Generationen auf engstem Raum zusammen.

Was nehme ich mit?

Am Ende ist die Entscheidung alternativlos, auch wenn sie schwerfällt und weh tut: Ich breche meinen Aufenthalt ab und fliege nach Hause. Zum Glück bekomme ich zeitnah einen Flug. Am 25. März lande ich frühmorgens in Frankfurt. Aus geplanten fünf Monaten Tansania sind zwei geworden, aus neun Monaten Afrika sechs.

Trotzdem nehme ich sehr viel Positives aus dieser Zeit mit. Ich durfte zwei grundverschiedene afrikanische Länder und ihre Menschen kennenlernen. Ich habe fantastische Naturlandschaften und die einmalige Tierwelt erlebt.

Das Bild vom traurigen afrikanischen Kind, das Unterstützung und Geld aus Europa braucht, um glücklich zu sein, das einige Spendensammler in Deutschland so gerne zeichnen und das viele Menschen bei uns im Kopf haben, wenn sie an Afrika denken, ist zu einfach und zu pauschal. Natürlich ist die Armut, gerade auf dem Land, erdrückend und es muss sich vieles verbessern. Das gilt vor allem für die wirtschaftliche Lage und die Gesundheitsversorgung. Und vor allem muss die allgegenwärtige Korruption zurückgedrängt werden.

Aber Afrika grundsätzlich mit Armut, Unglückseligkeit und Leid zu verbinden, ist auch falsch. Innerhalb des Kontinents gibt es auch zwischen den Staaten große Unterschiede, was Wachstum und Wohlstand betrifft. Mein Eindruck ist, dass sehr deutlich darüber nachgedacht werden muss, wie gute und nachhaltige Entwicklungshilfe in Zukunft aussehen soll.

Die Menschen in Namibia und Tansania, die ich kennengelernt habe, wissen sehr genau, wie es in Deutschland aussieht und was wir für ein privilegiertes Leben wir hier führen. Auch sie wollen ein besseres Leben. Deshalb ist die Sehnsucht nach Europa so groß.

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