Virtuelle Lesung mit Sally Perel und Hiltruper Realschülern
„Jetzt seid ihr die Zeitzeugen“

Münster-Hiltrup -

Gebannt schauen vier Schüler auf ihre Monitore und warten darauf, dass der Zeitzeuge sich am anderen Ende der Leitung zeigt. Die Schüler sitzen in der Johannes-Gutenberg-Realschule Hiltrup, ihr Gesprächspartner ist 4361 Kilometer entfernt in Tel Aviv. Der Zeitzeuge ist Sally Perel, stolze 95 Jahre alt. Berühmt geworden ist er durch sein Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“.

Montag, 22.06.2020, 16:16 Uhr aktualisiert: 25.06.2020, 17:10 Uhr
Alina Kloos (oben, v.l.), der Zeitzeuge Sally Perel aus Israel, Laura Tewes sowie René Wienbrand (unten, v.l.), Angelique Fögeling und der Lehrer Tobias Hoppmann treten bei der Zeitzeugenlesung mit den Münster-Masken für ein friedliches Europa ein.
Alina Kloos (oben, v.l.), der Zeitzeuge Sally Perel aus Israel, Laura Tewes sowie René Wienbrand (unten, v.l.), Angelique Fögeling und der Lehrer Tobias Hoppmann treten bei der Zeitzeugenlesung mit den Münster-Masken für ein friedliches Europa ein. Foto: Tobias Hoppmann

Als jüdischer Junge muss Perel aus Peine vor den Nazis fliehen. Mehrfach muss er seine Identität wechseln, um zu überleben. „Du sollst leben!“, hatte seine Mutter ihm einst mit auf den Weg gegeben. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion wird der Junge von der Wehrmacht aufgegriffen und hat diese als „Volksdeutscher“ im Kriegsgeschehen begleitet.

Als jüdischer Junge lebt er später in der Hitlerjungenschule in Braunschweig in der „Haut des Feindes“, wo er erneut seine Identität verbergen muss. Einen Bruder trifft er nach dem Krieg zufällig im Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Hannover wieder. Beide immigrieren nach Israel, um ein neues Leben zu beginnen.

Der Zeitzeuge, geboren 1925, berichtet den Schülern von vielen persönlichen Erfahrungen mit den Menschen. Er erzählt von den Schwierigkeiten des jüdischen Jungen, der sich seiner Freundin Leni Latsch nicht offenbaren darf, weil diese als überzeugte Nationalsozialistin dem Bund Deutscher Mädchen angehört und ihn „ans Messer liefern“ würde, wie ihre Mutter Sally warnt.

Er spricht von seinem besten Freund im Krieg, einem Homosexuellen, der in der Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls verfolgt wurde. Sie stützen sich gegenseitig, bis dieser Freund verwundet wird und in Sallys Armen verstirbt. „Mit leiser Stimme hat uns Perel auch von der erfolglosen Suche nach seinen Eltern, die er nach seiner Flucht nie wieder gesehen hat, berichtet“, erzählt Tobias Hoppmann als Lehrer und Ideengeber der Zeitzeugenlesung-Online für Münster.

Perel gibt nach eineinhalb Stunden seinen Zuhörern mit auf den Weg: „Ihr seid die neuen Zeitzeugen! Ihr habt mich noch gesehen“, und die Geschichte gehört. Weiter gibt er den Jugendlichen den Auftrag, mutig für eine friedliche Zukunft einzutreten. „Das passt gut zu unserer Friedensstadt Münster“, stellt Hoppmann fest. Jens Dechow, der technische Organisator vom Evangelischen Kirchenkreis zieht am Ende der Veranstaltung „den Hut“ vor Sally und den Moderatoren. Anne Schmidt vom Friedensbüro der Stadt Münster und Malte Bock von der Konrad-Adenauer-Stiftung waren ebenfalls am Gelingen dieser Geschichtsstunde beteiligt. Die Lesung konnte trotz aller Widrigkeiten im Geschichtsort Villa ten Hompel stattfinden.

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