Das Theaterlabor im Kulturbahnhof dient künftig als Blaupause für Kulturarbeit
Stadtteiltheater nach Hiltruper Modell

Münster-Hiltrup -

Ursprünglich an der Universität Münster gegründet, ist das Theaterlabor Münster inzwischen fester Bestandteil des Kulturbahnhofs Hiltrup. Eine glückliche Fügung für den Stadtteil – und wenn es nach dem künstlerischen Leiter des Ensembles geht, steckt darin eine Blaupause für andere Städte und Stadtteile in Deutschland.

Mittwoch, 16.09.2020, 17:15 Uhr aktualisiert: 18.09.2020, 17:42 Uhr
Aufführungen des Theaterlabors im Kulturbahnhof: „Ein König namens Macbeth“ (l. oben) und „Die Anruferin“ (r. oben). Dr. Horst Born (unten, v.l.) und Dr. Enrico Otto haben sich Gedanken über die Theaterarbeit im Stadtteil gemacht.
Aufführungen des Theaterlabors im Kulturbahnhof: „Ein König namens Macbeth“ (l. oben) und „Die Anruferin“ (r. oben). Dr. Horst Born (unten, v.l.) und Dr. Enrico Otto haben sich Gedanken über die Theaterarbeit im Stadtteil gemacht. Foto: mlü/anh

Der Theaterwissenschaftler Dr. Enrico Otto hat ein Buch über die „Theaterarbeit als Teil der Stadtteilkultur“ geschrieben. Darin verarbeitet er seine Erfahrungen aus den vergangenen sechs Jahren am Hiltruper Kulturbahnhof und gibt damit anderen Stadtteilzentren die Möglichkeit, nach dem Hiltruper Vorbild die Stadtteilarbeit um theatrale Formen zu erweitern.

„Stadtteiltheater sind im Kommen“, ist sich Otto sicher. In Großstädten wie Hamburg, München oder Frankfurt am Main gehören sie bereits zum Repertoire der Stadtteilkultur. Essen und Wiesbaden ziehen nach. Doch bislang habe sich kaum jemand die Mühe gemacht, diese relativ neue und sehr spezielle Form des Theaters einmal systematisch zu untersuchen.

Wer in seinem Stadtteil ein kleines aber gleichwohl anspruchsvolles Theater aufbauen will, ist vermutlich hoch motiviert, hat aber nicht genug Geld, um sich Know-How einzukaufen. An dieser Stelle knüpft Otto an und bietet die vielleicht erste strukturierte Abhandlung zum Thema.

Doch warum überhaupt Stadtteilkultur fördern – in der Innenstadt gibt es doch bereits (oft teuer subventionierte) Kultur genug? Einer der „Gründerväter“ des Kulturbahnhofes, Dr. Horst Born , bringt es im Gespräch mit unserer Zeitung auf eine kurze Formel: „Es gibt Bereiche, da will ich gerne leben und es gibt Bereiche, die einen nicht so sehr anziehen.“ Stadtteilkultur ist ein Standortfaktor.

Und mehr noch: Anders als bei in erster Linie kommerziellen Events ginge es bei der Stadtteilkultur um eine regelrechte „Daseinsvorsorge“, schreibt Born sinngemäß unter Berufung auf den Deutschen Kulturrat in einem Vorwort zum Buch von Enrico Otto. Letztendlich ginge es also um soziale Integration, oder einfacher gesagt: das Zugehörigkeitsgefühl zum Stadtteil.

Grau ist jede Theorie, wie ist die Praxis? „Wir müssen den Abnehmer im Blick behalten“, sagt Otto rückblickend und thematisiert damit einen Konflikt in seiner Theaterarbeit. „Der Durchschnittsbesucher tut sich schwer mit experimentellem Theater“, sagt Born aus der Brille des Konsumenten. „Unsere ehrenamtlichen Schauspieler wollen sich dagegen lieber ausprobieren und nicht etwas spielen, das schon jeder macht“, weiß dagegen Otto aus der Arbeit mit dem Ensemble. Ein Spagat für das Stadtteiltheater, der jedes Mal aufs neue ausbalanciert werden muss. „Für den Qualitätsanspruch des Stadtteiltheaters ist es jedenfalls wichtig, dass die Aufführungen eine Schule des Sehens bleiben.“ Eine Lösung sei, die Theaterstücke selbst zu schreiben und dabei immer das Publikum vor Augen zu haben.

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