Winfried Geisenheyner ist Experte für antiquarische Kinderbücher
ABC-Fibeln und Wiedertäufer

Münster-Hiltrup -

Der Antiquar Winfried Geisenheyner aus Hiltrup kennt sich in Deutschland wie kein zweiter mit Kinderbüchern aus. Natürlich kennt er auch die Autoren und Autorinnen, die heute angesagt sind. Sein Spezialgebiet jedoch endet bei den Kinderbüchern, die etwa Anfang der 1970er Jahren erschienen sind, und beginnt 1485, als die erste ABC-Tafel erschien.

Freitag, 01.01.2021, 09:07 Uhr aktualisiert: 01.01.2021, 09:10 Uhr
Der Antiquar Winfried Geisenheyner mit einem historischen Pop-up-Buch. Die Technik hatte vor mehr als 140 Jahren der Münchener Kinderbuchautor Lothar Meggendorfer entwickelt.
Der Antiquar Winfried Geisenheyner mit einem historischen Pop-up-Buch. Die Technik hatte vor mehr als 140 Jahren der Münchener Kinderbuchautor Lothar Meggendorfer entwickelt. Foto: gro

Als Geschenk zu Neujahr verfasst ein Vater für seinen Sohn ein Buch. Nicht einen langen Brief, sondern gleich ein ganzes Buch mit 146 Seiten. 1784, fünf Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution, erscheint es in Göttingen in der Vandenhoek­schen Buchhandlung. Allein der Titel dürfte Münsteraner bereits aufhorchen lassen: Die Geschichte des Schneider- und Schwärmerkönigs Jan van Leyden. Das Buch handelt von den Wiedertäufern in Münster im Jahr 1535.

Für Winfried Geisenheyner ist dieses Buch etwas ganz Besonderes. „Eine absolute Rarität.“ Der Antiquar aus Hiltrup, der am Roseneck in Hiltrup-West beheimatet ist, kennt sich in Deutschland wie kein zweiter mit Kinderbüchern aus. Natürlich, er kennt auch die Autoren und Autorinnen, die heute angesagt sind. Sein Spezialgebiet jedoch endet bei den Kinderbüchern, die etwa Anfang der 1970er Jahren erschienen sind, und beginnt 1485, als die erste ABC-Tafel erschien, wie er erzählt.

Kinderbücher sind mehr als der allseits bekannte Struwwelpeter oder die Märchen der Gebrüder Grimm. Winfried Geisenheyner beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit antiquarischen Kinderbüchern und stöbert auf der gesamten Welt alte Kinderbücher auf.

„Schaun Sie mal her“, sagt der Antiquar, klappt ein großformatiges buntes Bilderbuch auf und beginnt in dem altehrwürdigen Werk zu blättern. Es gehört zu den „beweglichen Büchern“, wie die Experten sagen. Denn das Buch zeichnet sich neben einer pfiffigen Illustration durch eine ausgeklügelte Papiermechanik aus.

Das Buch stammt von Lothar Meggendorfer. Er hat bereits vor annähernd 140 Jahren die beweglichen Bücher erfunden hat. Meggendorfer gilt als der erste Papier-Ingenieur und als der Vorläufer heutiger Autoren, die moderne Pop-up-Bücher auf den Markt bringen. Besser kann er auch heute keiner machen.

Seinen Werken hat der Münchener Künstler, Kinderbuchautor, Maler, Zeichner und Illustrator stets einen gewissen Witz verliehen. Auch deshalb nimmt Geisenheyner sie gerne in die Hand. Mittlerweile sind die Originale rar geworden. Das wiederum hat mit dem Papiermechanismus zu tun. Die Erklärung liegt auf der Hand. Werden die Bücher häufig benutzt, gehen sie irgendwann kaputt.

Wenn man wollte, könnte man sich mit dem Hiltruper Antiquar stundenlang durch die Welt der Kinderbücher leiten lassen. Langweilig würde es vermutlich nie werden.

Kinderbücher haben für Winfried Geisenheyner einen ganz besonderen Reiz. Und dieser Reiz ist für den Kaufmann keineswegs nur die Nostalgie bestimmt. Durch Literatur begegnen Kinder der Welt. Unbeeinflusst bleiben sie von den Werken nie, nicht selten werden sie indoktriniert, sagt Geisenheyner. Ein Beispiel gefällig? Geisenheyner verweist auf das deutsch-französische Verhältnis, wie es in der Kinderbuchliteratur des 19. Jahrhunderts dargestellt wurde. Stets waren es zwei Erzfeinde – zwischen denen jederzeit Krieg ausbrechen konnte.

Auch die bereits angesprochene Geschichte der Wiedertäufer in Münster ist ein historisches Thema, das viel Raum eröffnet, die Leser und insbesondere die jungen Menschen auf bestimmte Sichtweisen zu lenken.

Bevor der Göttinger Historiker August Ludwig Schlözer 1784 sein Buch über die Geschichte des Schneider- und Schwärmerkönigs Jan van Leyden veröffentlichte, gab es viele Erzählungen in einem oftmals moralisierenden Duktus über die Wiedertäuferbewegung.

„Schlözer ist der erste, der all das weggelassen hat“, sagt Geisenheyner. „Es hat das erste authentische Geschichtsbuch für Kinder geschrieben.“

Er wählte für die Darstellung eine durchaus kindgemäße Form. Um seinem Sohn von der Herrschaft der Wiedertäufer 1534/35 in Münster näher zu bringen, konstruierte er ein Frage-Antwort-Spiel zwischen Sohn und Vater. „In seiner Ausdrucksweise ist der Autor dabei sehr deftig“, ergänzt Geisenheyner. „Es wird nicht um den heißen Brei herumgeredet.“

In seinem Katalog, in dem der Antiquar die Bücher vorstellt, nimmt er einige Textpassagen auf, um einen Eindruck von der Sprache Schlözers zu vermitteln. Im Bauernkrieg seien die Bauern „in die Pfanne gehauen worden“, heißt es da. Oder: Die Einführung der Vielweiberei habe Schlözer wie folgt geschildert: „Nun nahm der geile Bock 3 Weiber.“

Mit dieser Art von Sprache sei man Ende des 18. Jahrhunderts gar nicht vertraut gewesen, erklärt Geisenheyner. Er selbst hätte diesen Sprachduktus „eher im 19. Jahrhundert“ vermutet.

Schlözer, der als „Erzvater des deutschen Liberalismus“ gilt, war geistig jedoch seiner Zeit voraus. Er wollte berichten, wie es gewesen war. Es ging ihm darum, Tatsachen zu schildern. Doch auch er erzählte die Historie nicht um ihrer selbst willen. Es ging ihm um vaterländische Erziehung. Manche sprechen sogar von einer politischen Kampfschrift, die der Göttinger Professor verfasst habe.

Nachahmer hat Schlözer kaum gefunden. Ihm kommt eine singuläre Stellung in der Kinderbuchliteratur zu. „So ein Buch habe ich in 30 Jahren Tätigkeit nicht in den Händen gehalten“, sagt Geisenheyner. Er sagt das als Kaufmann, nicht als Sammler. Zusammen mit 321 Büchern findet man Schlözers Schrift in dem mittlerweile 47. Kinderbuchkatalog, den das Antiquariat Geisenheyner in diesem Winter herausgebracht hat.

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