Kunst am Rand
Lepra, Flucht und Lebenswünsche

Münster-Kinderhaus -

50 Kunstwerke von 39 Künstlern können an vier Standorten an der frischen Luft erlaufen werden und das inmitten der grünen Lungen von Kinderhaus: Die diesjährige „Kunst-am-Rand“-Ausstellung bietet ausgezeichnete Exponate. Der Clou dabei: Man kann sie mit Spaziergängen und netter gastronominische Einkehr verbinden. Grund genug für eine WN-Serie: Heute Folge 2: Der Standort Waldschule (Große Wiese 14).

Dienstag, 24.07.2018, 19:30 Uhr

Über der Mensa der Waldschule hängen auf großen Transparenten die „Fluchtbäume“ von Annette Hinricher.
Über der Mensa der Waldschule hängen auf großen Transparenten die „Fluchtbäume“ von Annette Hinricher. Foto: Peter Sauer

Vom Gut Kinderhaus aus geht ein Fußweg durch ein Wäldchen mit Sumpfdotterblumen zum zweiten Spielort der „Kunst-Am-Rand“-Ausstellung: der Waldschule. Mitten im Wald stehen fünf Bäume. Vor ihnen haben fünf Prominente aus Münster zu einer ganz konkreten Uhrzeit auf Einladung von Ivo Weber „Den Wald gefegt“. So entstand das Kunstwerk „privatweg.com“, das auch zentrale Sätze der „Waldfeger“ preisgibt, die man auch per QR-Code abrufen kann.

Ein paar Schritte weiter hängt im Schießstand der Schützen nicht der hinlänglich bekannte Vogel, sondern ein hellgrünes Kissen von Kirsten und Peter Kaiser. Ihr „Dreiklang II“ setzt sich aus den auf das Kissen gedruckten Zentralbegriffen „Glaube“, „Sitte“ und „Heimat“ zusammen. „Ein Kunstwerk, was auch von den hiesigen Bürgerschützen gut aufgenommen wird“, freut sich Kurator Jochen Koeniger.

Andreas Bausch: „Fragen an die deutsche Geschichte“

Andreas Bausch: „Fragen an die deutsche Geschichte“ Foto: Peter Sauer

Auf Großformaten hat sich Sarah Schrot eingehend mit dem Thema „Lepra“ beschäftigt. Man sieht, wie die Konturen der Lepra-Kranken, ihre Zähne und Gliedmaßen, ebenso im Taumel des allmählichen Verschwindens sind wie die sozialen Bindungen. Alles löst sich auf.

Auf großen Leinen hat Annette Hinricher ihre „Fluchtbäume“ an der Außenverkleidung der Mensa angebracht. Von Weitem sieht man die weit verzweigten Wurzeln, von Nahem Texte wie „den Schatten hinter sich lassen“. Nicht nur auf die Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre, sondern auch auf allgemein zurückliegende Lebenslinien spielen diese Baum-Porträts mit großer Symbolkraft an. Doro Carl zeigt in ihrem Video ganz offenherzig, was junge Flüchtlinge beschäftigt.

„Dreiklang II“ von Kirsten und Peter Kaiser

„Dreiklang II“ von Kirsten und Peter Kaiser Foto: Peter Sauer

Ein paar Fenster weiter an der Waldschule hängen ausdrucksstarke Aquarellzeichnungen. Ruth Kallmeyer porträtiert sehr präzise drei Waldschüler. Grundlage waren eigene Selfies der Schüler. Constanze Unger zeigt sich daneben in einer Selbstporträt-Collage als heute 65-Jährige und als sechsjähriges Mädchen mit Schultüte. Beide scheinen in einer Wanne voller Münzen zu stehen und durch ein tiefes Blau zu treiben, offenbar stellvertretend für die Lebensjahre. Daneben steht eine echte Zink-Badewanne, gefüllt mit jeder Menge Zukunftswünsche auf runden Zetteln. Sie stammen von einigen Waldschülern. Im Tausch mit Schoko-Talern hat Constanze Unger die Schülerwünsche eingesammelt. Sie reichen von der Einrichtung eines Nagelstudios bis zum Besitz eines Ferraris.

In 24 Petrischalen zeigt Danielle Spoelman unter dem Titel „subcoteanous growth“ Dinge, die unser Leben bewusst oder unbewusst formen und unsere Identität bilden – eine spannende Reise.

Als Appell gegen Plastikmüll und Shoppingwahn drehen sich in der Installation von Luzia-Maria Derks Tüten über einem Werbebanner aus einer Boutique.

Constanze Unger: „Ins Blaue“: Die Wünsche der Waldschüler

Constanze Unger: „Ins Blaue“: Die Wünsche der Waldschüler Foto: Peter Sauer

„Shoppen“ von Luzia-Maria Derks

„Shoppen“ von Luzia-Maria Derks Foto: Peter Sauer

Zum Wortzauberer wird Andreas Bautsch. Seine zeitpolitische Bestandsaufnahme besteht einzig aus Anagrammen eines alten Buchtitels und zeigt, was Buchstaben alles können.

„Ins Blaue“

„Ins Blaue“ Foto: Peter Sauer

„Lepra - der soziale Tod“ von Sarah Schrot

„Lepra - der soziale Tod“ von Sarah Schrot Foto: Peter Sauer

Porträt einer Schülerin von Ruth Kallmeyer

Porträt einer Schülerin von Ruth Kallmeyer Foto: Peter Sauer

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