Hobby-Stadthistoriker Henning Stoffers sucht Infos über den Fotografen Ernst Wenzel
Die Rätsel der alten Kaffeetafel

MÜNSTER-KINDERHAUS -

Er hinterließ einen Bilderschatz. Über sein Leben ist jedoch fast nichts bekannt.

Mittwoch, 12.09.2018, 05:30 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 12.09.2018, 05:30 Uhr
Diese Tafel, an der offenbar Kaffee getrunken wurde, lichtete Ernst Wenzel vor etwa 80 Jahren ab. Ob die Gäste damals wohl ihren Spaß hatten?
Diese Tafel, an der offenbar Kaffee getrunken wurde, lichtete Ernst Wenzel vor etwa 80 Jahren ab. Ob die Gäste damals wohl ihren Spaß hatten? Foto: Ernst Wenzel

Das Kaffeetrinken ist vorbei. Wann wird die Tafel unter freiem Himmel abgeräumt? Eine Frau verlässt noch schnell den Tisch. Eine andere ruht sich nach der Tortenschlacht ein wenig aus. Und zwei hemdsärmelige Herren bringen sich auf Mundharmonikas gegenseitig ein Ständchen. Warum eigentlich? Ernst Wenzel hat die rätselhafte Szene irgendwann in den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts fotografiert. Heute gehört Wenzels Bild zum Archiv des Kinderhausers Hobby-Stadthistorikers Hennig Stoffers.

Aber wer war Ernst Wenzel? Stoffers setzt dem Mann in einer seiner Bilderserien, die in den nächsten Tagen online geht, im Netz zwar ein Denkmal. Aber der Kinderhauser weiß nicht wirklich viel über den Fotografen. Auch Wenzels Geburtsdatum ist ihm bislang unbekannt. Stoffers schätzt, dass Wenzel zwischen 1890 und 1895 das Licht der Welt erblickte.

„Er war Soldat im ersten Welkrieg“, weiß Stoffers. Aus dieser Zeit gibt es makabere fotografische Spuren. Damals fotografierte Wenzel Gefallene mit ihren Erkennungsmarken, um eine spätere Identifizierung zu erleichtern. Diese Aufnahmen werden heute im Koblenzer Bundesarchiv verwahrt, so Stoffers.

Alltagsleben

In den 1940er-Jahren war Wenzel Lehrer an der Volksschule in Mecklenbeck. Die meisten jener über 1000 Positive und Negative, die Stoffers jetzt verwahrt, stammen aus dieser Zeit. „Die Fotografien zeigen das Alltagsleben der 40er-Jahre“, so Stoffers.

Wenzel hatte seine Kamera offenbar stets griffbereit. Er lichtete den Kinderkarneval ebenso ab wie Szenen aus dem bäuerlichen Alltag, die heute anmuten wie eine völlig fremde Welt. Da wird noch mit Ochsengespannen gepflügt, und Schäfer ziehen samt Herde durch scheinbar unberührte Natur.

Aber Wenzel hatte nicht nur einen Blick für die Idylle. Er fotografierte Hitlerjungen bei Aufmärschen und lebensgefährlichen Schießübungen. Nazi war Wenzel wohl nicht, glaubt Stoffers. Dafür spreche, dass er auf Selbstporträts kein Parteiabzeichen trage.

Dominikanerkirche

Nach dem Krieg lichtete Wenzel das verwüstete Münster ab. Er wohnte damals am Hafen. Ruinen an der Dominikanerkirche und zerstörte Häuser im Südviertel sind einige seiner Motive.

Stets sind Menschen auf diesen Bildern zu erkennen. Sie wirken dokumentarisch, aber nicht museal. Aus den folgenden Jahrzehnten hat Stoffers keine Wenzel-Fotos mehr. Nur das Todesdatum des Fotografen ist Stoffers noch bekannt: Ernst Wenzel starb am 8. Juni 1974 in Kinderhaus und wurde dort auch beerdigt. Wenzels Fotos aus den Vierzigern wurden 2012 von einem Neffen an Stoffers übergeben. Und der fragt sich jetzt, ob sich noch jemand an den Mann mit den kantigen Gesichtszügen erinnert, der immer die Kamera griffbereit gehabt haben muss, um seine Zeit und mit ihr das Leben der Menschen zu porträtieren.

Wer sich an Ernst Wenzel erinnert, kann über die Internetseite www.sto-ms.de Kontakt mit Henning Stoffers aufnehmen.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6043796?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F132%2F139%2F
Post reagiert nicht auf Hilfsangebot
Eine Münsteranerin hat Strafanzeige gestellt, weil viele ihrer Briefe im Sommer einfach verschwunden sind.
Nachrichten-Ticker