Vor 75 Jahren – Auf der Flucht im eigenen Land
Trakehner-Treck in die Freiheit

Münster-Mecklenbeck -

Kaum jemand kann sich heutzutage vorstellen, wie deutsche Frauen und Kinder im Deutschen Reich auf der Flucht waren – vor den Russen, den Engländern und auch vor den Nationalsozialisten. Sie gaben alles auf, sogar das eigene Gut, wie die Geschichte von Hannelore von der Goltz, geborene Haasler zeigt. Vor 75 Jahren musste die damals Neunjährige fliehen. Mit einem kleinen Rucksack und ihren geliebten Trakehnern.

Freitag, 06.12.2019, 17:10 Uhr
Die Trakehner prägten ihr Leben: Die Mecklenbeckerin Hannelore von der Goltz, geborene Haasler, plant eine Autobiografie.
Die Trakehner prägten ihr Leben: Die Mecklenbeckerin Hannelore von der Goltz, geborene Haasler, plant eine Autobiografie. Foto: Peter Sauer

Es ist bitterkalt im letzten Kriegswinter 1944. Draußen und in den Herzen jener Frauen und Kinder, die auf der Flucht sind. Vor den herannahenden Russen. Und vor den Nationalsozialisten, die eine Flucht mit Volksverrat gleichsetzen. Aber es geht um Leben und Tod.

Vor 75 Jahren musste Hannelore von der Goltz, geborene Haasler, mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern das elterliche Gut im ostpreußischen Burkandten verlassen. Dieses hatte sich mit der Ostpreußischen Warmblutzucht Trakehner-Abstammung des Vaters Heinz Haasler und mit den Turniersporterfolgen ihrer Mutter Martha Haasler einen guten Namen gemacht. Fast 20 gekörte Hengste aus eigener Zucht und Aufzucht stellten Heinz und Martha Haasler in den letzten zehn Jahren vor der Flucht. „Wir hatten ein schönes Leben, und ich als Kind ein eigenes Zimmer, was damals eher ungewöhnlich war“, erinnert sich die in Mecklenbeck lebende von der Goltz heute.

„Als flüchtende Litauer bei uns vorbeikamen, hatte meine Familie vorgesorgt und zwei Fluchtgespanne heimlich in einer Scheune versteckt“, erinnert sich die heute 84-Jährige. „Das war sehr gefährlich. Keiner durfte das erfahren, sonst hätte man uns sicher verhaftet.“ Zwei Bilder aus dem Krieg haben sich bis heute in ihrem Gedächtnis eingebrannt: „Das brennende Insterburg habe ich damals von Weitem gesehen. Wir mussten oft Fenster und Türen verdunkeln – das war sehr unheimlich.“

Das schlimmste Erlebnis begann jedoch am 1. November 1944. Da musste Familie Haasler – ohne den Vater, der im Krieg war – all ihr Hab und Gut verlassen. „Einige Jährlinge und Zweijährige, darunter auch Jungstuten, konnten wir zum Glück vorher per Bahntransport nach Rimmerode in der Nähe von Bad Gandershein vorausschicken. „Wir hatten nur das nötigste dabei, Kleidung und Proviant. Jeder einen kleinen Rucksack.“ Selbst ihren geliebten Dackel „Biene“ musste Hannelore von der Goltz zurücklassen.

Hannelore von der Goltz blickt zurück und nach vorn.

Hannelore von der Goltz blickt zurück und nach vorn. Foto: Peter Sauer

Mutter Martha Haasler und die damals neunjährige Tochter Hannelore spannten die stärksten Trakehner vor zwei Pferdewagen und nahmen jeweils auf dem Bock eines der Gespanne Platz. Sie kamen gemeinsam mit den drei Geschwistern und den Hofarbeitern und ihren Angehörigen nach einem dreiwöchigen Treck in Klein Rautenberg in der Nähe von Braunsberg (heute Braniewo/Polen) am Frischen Haff an. „Wir mussten fast immer nachts fahren, weil tagsüber Luftangriffe der Engländer drohten“, erinnert sich Hannelore von der Goltz, geborene Hassler. „Ich kann mich an Schlaf nicht erinnern.“ Bis Januar 1945 war Klein Rautenberg ein sicherer Zufluchtsort.

Doch die Russen kamen immer näher. Der Familie Hassler blieb nur eines – die überstürzte Flucht in einem der letzten Bahntransporte Richtung Mitteldeutschland. „Es war fürchterlich“, berichtet von der Goltz. „Die Waggons waren überfüllt, Kinder schrien, Erwachsene waren sehr verängstigt.“

Die Mutterstuten fanden auch per Zug ihren Weg nach Mecklenburg. Dort angekommen, waren es wieder die unermüdlichen Trakehnerstuten, die die beiden Treckwagen zogen, ins niedersächsische Rimmerode. Über die Elbe kamen sie nur wegen der Großmutter. „Sie war schwer rheumakrank und konnte vom Wagen nicht abgeladen werden, also ließ man uns passieren.“

Bei Bauern in der Nachbarschaft von Rimmerode untergebracht, hielten sie sich durch Schwerstarbeit in der Landwirtschaft und beim Holzrücken finanziell einigermaßen über Wasser.

Von Niedersachsen ging es nach Hessen. „Dort waren wir endlich sicher, doch die vorausgeschickten Pferde waren alle weg“, sagt von der Goltz. Eine Frau hatte sie, wie ausgemacht, in ihre Obhut genommen. „Offenbar dachte sie aber, wir wären im Krieg geblieben. So verkaufte sie unsere kostbaren Pferde“, ärgert sich von der Goltz noch heute, „wir mussten ja schon so viele zu Hause lassen“.

Hannelore Hassler im Sattel der Fuchsstute Sylva.

Hannelore Hassler im Sattel der Fuchsstute Sylva. Foto: Familienarchiv Hannelore v.d. Goltz

1946 kehrte Vater Heinz aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft mit schwerer Kopfverletzung zu seiner Familie zurück. Durch Vermittlung seines ehemaligen Chefs Dr. Rau erhielt er die Leitung des Vollblutgestüts Altefeld. „Das war unsere erste neue Heimat, auch weil die geretteten Trakehner Stuten in den Stallungen des Gestüts eine gesicherte Zukunft fanden. Ihre Zahl hatte sich jedoch erheblich reduziert.“ Die verschollen gelaubte Fuchsstute Sylva musste der Vater zurückkaufen. Er entdeckte sie in Frankfurt per Zufall auf der Rennbahn. „Der Vater freute sie so sehr, uns wiederzusehen, dass er mir eine neue Schwester schenkte“, sagte Hannelore von der Goltz mit lausbübischen Lächeln. „Altefeld war anstrengend: morgens Schule, nachmittags Pflege und Training mit den Pferden und am Wochenende Turniere.“ Aus beruflichen Gründen zog die Familie 1953 in das später käuflich erworbene Pensionsgestüt Alpen am Niederrhein. Dort wurden die heimatlichen Stutenstämme weitergepflegt. „Wir mussten damals sehr sparsam leben.“

Hannelore Haasler heiratete, heißt seitdem von der Goltz. Mit ihrem Mann zog sie in die Bockholter Berge bei Greven. Ihr Mann arbeitete als Prokurist bei den „Vestischen Kalksandsteinwerken Schenking“. Seit 2017 fühlt sie sich in Mecklenbeck sehr wohl. Sie wirkt an Trakehner-Fachartikeln mit und schreibt an ihrer Autobiografie. „Ohne unsere Pferde hätten wir die Flucht so nicht geschafft“, sagt die 84-jährige. Daher schmücken viele Pferde-Bilder und Skulpturen ihre Wohnung.

„Wenn auf unserem Gut die Fohlen geboren wurden, dann war das wie Bruder und Schwester für mich“, fühlt sich Hannelore von der Goltz ihrer alten Heimat noch sehr verbunden, auch wenn eine spätere Reise dorthin sie heute traurig stimmt: „Es ist nichts mehr da von meinem Zuhause, dem Gut.“ Mit einer Ausnahme. „Damals bauten die Störche ihr Nest auf dem Pferdestallgiebel. Dort steht heute ein Baum. Dort habe ich ein frisches Storchennest entdeckt.“

Mit ihren Geschwistern erlebte Hannelore Hassler (r.) mit den Pferden eine schöne Zeit – vor und nach dem Krieg. Buchtipp: Erhard Schulte: Ostpreußens Trakehner Zuchtstätten in ihren Blüte-Jahren, Asmussen 2019.

Mit ihren Geschwistern erlebte Hannelore Hassler (r.) mit den Pferden eine schöne Zeit – vor und nach dem Krieg. Buchtipp: Erhard Schulte: Ostpreußens Trakehner Zuchtstätten in ihren Blüte-Jahren, Asmussen 2019. Foto: Familienarchiv Hannelore v.d.Goltz

Zuversichtlich blickt sie ins neue Jahr: „Glück bedeutet für mich Zufriedenheit. Ich kann zwar nicht mehr gut laufen und habe ein paar Zipperlein, aber ich bin froh, dass ich meinen klaren Kopf noch gut am Laufen habe.“

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