X-Orte im Westen
Geheimnisse rund um Haus Spital

Münster-West -

Im Rahmen des Projekts „Expedition Münsterland“ erforscht die Arbeitsstelle Forschungstransfer der Westfälischen Wilhelms-Universität unbekannte Plätze. Unsere Zeitung stellt die Gievenbecker „X-Orte“ in einer kleinen Serie vor.

Donnerstag, 02.01.2020, 17:53 Uhr
Dr. Wilhelm Bauhus, Leiter der Arbeitsstelle Forschungstransfer, entdeckte nahe des Legdenwegs Reste eines Munitionslagers. Auf dem Friedhof des Gefangenenlagers „Haus Spital“ (kl. Foto) wurden über 1000 Menschen beerdigt.
Dr. Wilhelm Bauhus, Leiter der Arbeitsstelle Forschungstransfer, entdeckte nahe des Legdenwegs Reste eines Munitionslagers. Auf dem Friedhof des Gefangenenlagers „Haus Spital“ (kl. Foto) wurden über 1000 Menschen beerdigt. Foto: jans

Wo will der Mann bloß hin? Dr. Wilhelm Bauhus lenkt seinen kleinen E-Dienstwagen über einen Feldweg bei Haus Spital, der immer schmaler wird. Kurz bevor der Pfad in den Legdenweg mündet, stoppt der Leiter der Arbeitsstelle Forschungstransfer der Westfälischen Wilhelms-Universität an einem Wäldchen. Hier hat er einen „X-Ort“ entdeckt, einen jener vergessenen Orte, die eine verborgene Geschichte haben.

Im Rahmen des Projekts „Expedition Münsterland“ erforscht die Arbeitsstelle solche Plätze. Unsere Zeitung stellt die Gievenbecker „X-Orte“ in einer kleinen Serie vor.

Zwei davon hat Bauhus an diesem regnerischen Morgen schon angefahren. Zunächst hielt er vor dem schmiedeeisernen Tor des Friedhofs von Haus Spital. Es dürfte einer der „bekanntesten“ unbekannten Orte in Münster sein. Zumindest im Westen der Stadt wissen viele, dass dort über 1000 Menschen begraben wurden, die in zwei Weltkriegen im damaligen großen Gefangenenlager bei Haus Spital starben. Sie kamen aus Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Russland und Serbien. Selbst ein Inder wurde dort bestattet.

Viele der Kriegsopfer wurden inzwischen in ihre Heimatländer überführt, andere ruhen noch immer unter den Beton-Grabsteinen des Friedhofs. Als vor einiger Zeit Metall-Räuber die Namens-Plaketten von den Grabsteinen stahlen, erlangte das von Hecken eingefriedete Areal wieder traurige Bekanntheit in der ganzen Stadt. Inzwischen wurden die Grabsteine des 1914 vom französische Architekten A. Duthoi gestalteten Friedhofs wieder neu beschriftet. Duthoi verbrachte selber 52 Monate als Gefangener im Lager Haus Spital.

Der Friedhof ist letztes intaktes Zeichen des Gefangenenlagers. Ein weiteres Relikt aus dieser Zeit ist zwar noch erkennbar, aber zerstört und – zumindest im Sommer – gut versteckt. An der Ecke der Straßen Horstmarer Landweg und Haus Spital stoppt Bauhus vor einer Baumgruppe. Dahinter ist ein gemauertes Fundament zu erkennen, auf das einige Stufen hinaufführen.

Eine „Opfer- und Nagelungsstätte“ sei das gewesen, erläutert der Wissenschaftler: „Ein typischer ,X-Ort´“. Einst war dort ein großes Holzkreuz aufgestellt, in Form eines „Eisernen Kreuzes“. Besucher schlugen zur Zeit des Ersten Weltkriegs mit Spendengeldern gekaufte Nägel in solche Kreuze, um ihre Verbundenheit mit den Frontsoldaten zu bekunden.

„Allerdings standen die Kreuze meist an belebten, städtischen Plätzen“, so Bauhus. Was sollte diese Gedenkstätte also neben dem Gefangenenlager, in dem zeitweise bis zu 20 000 Menschen ein elendes Dasein fristeten? Die Antwort auf diese Frage ist simpel – und erschreckend: Die Gefangenen waren ein Besuchermagnet. Vor den Stacheldrahtzäunen standen Männer, Frauen und Kinder, die die teilweise exotisch wirkenden Gefangenen begafften.

Bei dieser Gelegenheit „verewigten“ sich die Angereisten dann noch schnell mit Nägeln in besagtem Kreuz. Im Kriegsverlauf sank allerdings die Spendenbereitschaft. Das Kreuz geriet in Vergessenheit und verfiel. Nach 1945 wurde es zwar durch ein neues Kreuz ersetzt, das bis in die 1980er-Jahre stand. Irgendwann war es aber weg.

Nach dem Friedhof und der „Nagelungsstätte“ hat Bauhus also nun einen weiteren „X-Ort“ in der Gegend angefahren. Im angrenzenden Wäldchen zeigt er auf Betonbrocken im nassen Gestrüpp. Dort stand am Rand des großen Militärkomplexes, der sich um „Haus Spital“ erstreckte, ein Munitionslager.

Zudem findet Bauhus auch einen jener Beton-Zaunpfähle, zwischen denen der Stacheldraht gespannt war, der Depot und Lager abgrenzte. Die Bewohner der nahen Häuser am Legdenweg dürften sich oft gefragt haben, was da im Wald herumliegt. Bauhus wird weiter forschen. Für Hinweise ist er dankbar: ✆83 32 279.

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