Tagesklinik des UKM an der Schelmenstiege besteht seit zehn Jahren
Niemand geht, wie er gekommen ist

Münster-Roxel -

Aus fünf geplanten Jahren wurden zehn. Und mittlerweile fühlt man sich in Roxel so wohl, dass ein Verbleib perspektivisch länger angedacht ist. Ein Blick auf die Tagesklinik des UKM an der Schelmenstiege:

Montag, 09.11.2020, 04:47 Uhr aktualisiert: 10.11.2020, 17:33 Uhr
Das Team der Tagesklinik an der Schelmenstiege feierte in diesen Tagen das zehnjährige Bestehen der Einrichtung.
Das Team der Tagesklinik an der Schelmenstiege feierte in diesen Tagen das zehnjährige Bestehen der Einrichtung. Foto: Thomas Hauss

Eigentlich war der Betrieb lediglich für fünf Jahre angelegt, es sollte sich um eine vorübergehende Lösung handeln. Die Ansiedlung in unmittelbarer Nachbarschaft der Bettentürme des münsterischen Uni-Klinikums ( UKM ) sollte mittelfristig erfolgen. Die Rede ist von der Tagesklinik an der Schelmenstiege, die nun seit zehn Jahren in Betrieb ist.

Offensichtlich hat seitens der Verantwortlichen bezüglich der zunächst angedachten fünf Jahre ein Umdenken stattgefunden: Die Tagesklinik zur stationären Unterbringung von Kindern mit psychiatrischen Störungsbildern in der ehemaligen Bezirksverwaltung hat technisch wie belegungsmäßig aufgerüstet und soll dort nach Auskunft der Pressestelle des UKM auch perspektivisch weiter bestehen.

„Unsere Tagesklinik ist als Einrichtung Teil der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM unter der Leitung von Prof. Georg Romer“, sagt Dr. Antje Herbst , Oberärztin am UKM und Leiterin der Tagesklinik Roxel. Die Einrichtung in Roxel sehe man als eine Ergänzung oder auch Alternative zur vollstationären Behandlung.

„Unsere Tagesklinik kann Kindern und Jugendlichen umfangreiche und intensive Behandlung anbieten, ohne dass eine gänzliche Herauslösung aus der Familie und dem sozialen Umfeld notwendig ist“, meint Herbst in einer Mitteilung des UKM. Das vereinfache häufig die Übergänge zurück in ambulante Behandlungen und den Alltag.

Auch die Einbindung von Eltern und anderen Familienmitgliedern gelinge im tagesklinischen Kontext meist sehr gut. Herbst: „Eine Besonderheit ist auch, dass wir Schulräume und Lehrer der Helen-Keller-Schule für Kranke direkt mit im Gebäude haben und eine sehr gute Kooperation mit der Schule haben.“

Behandelt werden seelische Erkrankungen aus dem gesamten Spektrum der psychiatrischen Störungsbilder bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren.

Eltern sind laut Antje Herbst Teil des therapeutischen Konzeptes, weil man systemisch immer die ganze Familie betrachte: „Somit ist in unseren Augen die Familie gemeinsam auf dem Weg, um Lösungen aus einer Entwicklungsblockade des Kindes oder Jugendlichen heraus zu finden.“ In vielen Familien, die in die Tagesklinik kämen, sei – bedingt durch die Erkrankung des Kindes – die Kommunikation beeinträchtigt. Insbesondere bei jüngeren Kindern spiele auch das elterliche Erziehungsverhalten eine Rolle, weil es bestimmte Verhaltensstörungen aufrechterhalte.

„Neben den familientherapeutischen Gesprächen können wir beispielsweise mit einer Eltern-Kind-Interaktionstherapie oder dem Eltern-Coaching von verschiedenen Seiten an die Problematik herantreten“, weiß die Medizinerin. Auch die Multifamilientherapie, bei der mehrere Familien ihre Erfahrungen untereinander austauschen können, bringe gute Erfolge.

Letztlich kann die Tagesklinik nicht alle Störungen heilen, wie Antje Herbst meint: „In der Kinder- und Jugendpsychiatrie sehen sie als Behandelnder in der Regel nicht dieselben radikalen Erfolge, wie es beispielsweise ein Chirurg sie bei einem entzündeten Blinddarm hat.“ Es gehe darum, positive Entwicklungsverläufe anzustoßen. „Vielmehr werden in den zwölf Wochen, in denen die Kinder bei uns im Schnitt behandelt werden, vielfältige Entwicklungsanreize geboten“, so die Tagesklinik-Leiterin in der Mitteilung.

Neben der Einzel- und Familientherapie helfen beispielsweise auch kunst- und bewegungstherapeutische Einheiten, bei den Patienten ein positiveres Selbstbild aufzubauen, sodass sie sich mehr zuzutrauen und sich eigene Ziele in der Bewältigung der Erkrankung zu setzen. „Wir möchten erreichen, dass die gesamte Familie aus dem Alltag heraustreten kann, ihre eigenen Ressourcen entdeckt. Niemand geht, wie er gekommen ist.“

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