Wolbeck
Opfer schwarzer Pädagogik

Sonntag, 01.02.2009, 19:02 Uhr

Münster-Wolbeck - Im Rittersaal des Drostenhofes saßen am Samstag in der Hauptsache Opfer der Nachkriegszeit, Opfer einer schwarzen Pädagogik in kirchlichen wie staatlichen Heimen. Unter Tränen erzählen sie davon, wie etwa Nonnen sie mit Gewalt zwangen aufzuessen. Erbrachen sich dabei die Kinder, schaufelten die Erzieherinnen ihnen das Essen zusammen mit ihrem Erbrochenem in den Mund zurück. Das Leid, das diese Menschen in ihrer Jugend erlebt haben, ist nichts, worüber man gerne spricht. Es ist auch nichts, das man gerne hören möchte. Es tut auch den Zuhörern weh.

Zu den Opfern gehören auch Regina Eppert-Page und Elke Meister. Die Schwestern sind Flüchtlingskinder aus Elbing in Ostpreußen. Fremde bestimmten über die Familie, über die Kinder. Sie wuchsen auf in Ostberlin, in Flüchtlingslagern und später in Kinder- und Erziehungsheimen. Eine Leidensgeschichte ohne Ende.

„Es sind Flüchtlingskinder, die ständig Pech hatten“, sagt Magdalena Oxfort. „Sie konnten sich nicht wehren.“ Die Kulturreferentin für Westpreußen spürte über das Wochenende mit diesen beiden und mit anderen Heimkindern und Interessierten den Erfahrungen dieser weggesperrten Kindern in Lesungen, Berichten und Vorträgen nach. Sie interessiert vor allem das nicht enden wollende Unglück der ehemaligen ostpreußischen Kinder, das mit NS-Verbrechen und Vertreibung begann und auch in den Erziehungsheimen nicht endete. „Gestern war es richtig voll“, sagt sie. Doch viele der ehemaligen Heimkinder halten ihre Heim-Vergangenheit aus Scham noch immer geheim - selbst gegenüber der eigenen Familie. Und viele knickten in Wolbeck ein unter der Last der Erinnerung, einige brachen das Seminar im Westpreußischen Landesmuseum ab.

Im Zweiten Weltkrieg starb jeder zweite 20- bis 30-jährige deutsche Soldat: die Hälfte einer ganzen Generation. 2,5 Millionen Waisen und Halbwaisen waren die Folge des von Deutschen begonnenen Krieges, mehr als ein Drittel aller Kinder erlebten Flucht und Vertreibung. Diese jungen Menschen wurden in den Jahrzehnten nach dem Weltkrieg häufig in Erziehungsheime eingewiesen. Doch dass so manches Kind erst in den Heimen traumatischen Erlebnissen ausgesetzt wurden, das war lange nicht bekannt.

Erst „mit einem Artikel von Peter Wensierski fing alles an“, erzählt Regina Eppert-Page. Das spätere Buch „Schläge im Namen des Herrn“ des Spiegel-Redakteurs offenbart ein Deutschland mitten im Wirtschaftswunder, von dem nur eine Gruppe ausgeschlossen war: die Kinder.

Wensierski war ebenfalls nach Wolbeck gekommen und las im Rahmen des Seminars einige Kapitel aus seinem Buch. Er gab aber auch Raum für die Fragen und Geschichten der Betroffenen. Er selbst führt das begangene Unrecht auf das gesellschaftliche Klima der Zeit zurück. „Die Familien steckten in der Krise.“

Anders als es die damaligen Heimbetreiber heute darstellen, handelte es sich bei den Misshandlungen nicht um „bedauerliche Einzelfälle“, so Wensierski. Er sieht in ihnen ein System. Und das „größte Unrecht, dass in der Nachkriegszeit überhaupt begangen wurde“. Bis heute ungesühnt. Eine Entschädigung von Heimkindern hat es bis jetzt nicht gegeben.

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