Wolbeck
„Plötzlich wart ihr weg“

Mittwoch, 25.11.2009, 20:11 Uhr

Münster-Wolbeck - „Und plötzlich wart ihr weg!“ Mit diesem Satz beginnt der fiktive Brief, den fünf Wolbecker Gymnasiasten gestern Nachmittag in einer kleinen Feierstunde anlässlich einer Stolpersteinverlegung an der Münsterstraße verlasen. Die Schüler hatten die Aufgabe übernommen, ein Gedenkblatt über die Familie Pins zu schreiben, die im Dezember 1941 aus Wolbeck vertrieben und mit nach Riga deportiert worden waren. Vater, Mutter und vier von fünf Kindern kehrten nie zurück. Lediglich Sohn Helmut Pins überlebte und wohnte zwischenzeitlich in seiner Heimat, bevor er nach Australien und dann nach Israel auswanderte.

Kurz nachdem der Kölner Künstler Gunter Demnig drei neuen Steine für Hildegard, Ilse und Helmut Pins im Gehweg an der Münsterstraße verlegt hatte, versammelten sich die fünf Schüler, Peter Schilling und andere Mitglieder des Vereins „Spuren Finden“ sowie zahlreiche Vertreter von Vereinen und Parteien sowie Oberbürgermeister Markus Lewe und viele Wolbecker etwa an der Stelle, wo sich früher das Pinssche Wohnhaus befunden hatte. Mit den bereits vorher verlegten vier existieren hier nun Gedenksteine für alle sieben Mitglieder der Familie. Die neuen Stolpersteine waren von Roland Vorholt und seiner Frau sowie vom Abiturjahrgang 1978 des Wolbecker Gymnasiums gestiftet worden.

Die Familie Pins bewohnte „Am Wigbold 222“ - wie die Adresse damals hieß - ein einfaches Haus mit einem kleinen Gemüsegarten. Dies fanden Hanan Jöns-Anders, Philipp Arndt, Aaron Falk, Jannis Kommnick und Daniel Kuna bei ihren Recherchen heraus. Unter anderem hatten die fünf Zehntklässler, die von ihrem Geschichtslehrer Dr. Heiko Overmeyer zum Schreiben des Gedenkblattes angeregt worden waren, Wolbecker Zeitzeugen nach deren Erinnerungen befragt. Sie fanden heraus, dass Vater Friedrich Pins vom Kriegerverein begeistert war und Sohn Helmut beim Verein DJK Burgmannen turnte, bis sich nach der Machtübernahme Hilters nach und nach alles änderte. Die Familie musste ins Wolbecker Judenhaus einziehen, die Kinder durften die örtliche Volksschule nicht mehr besuchen. „Wie habt ihr euch wohl gefühlt, wenn ihr an heißen Sommertagen die einzigen wart, die nicht in der Werse baden durften, als ehemalige Freunde die Straßenseite wechselten, wenn sie euch gesehen haben oder als ihr in Münster an Schaufenstern und Banken Schilder mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“ gesehen habt?“ Diese Fragen tauchen ebenso im Gedenkblatt der Schüler auf, wie die Rekonstruktion des Endes: „Zwei Wochen vor Weihnachten 1941 endete Euer Familienleben endgültig. Eure ganze Familie wurde nach Riga deportiert. . . In Riga wurdet ihr bei minus 30 Grad in das kleine deutsche Ghetto getrieben. Euer Gepäck kam nie an.“

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