Märchenkenner Dr. Oliver Geister über Frauenbilder, brave Kinder und ungehorsame Prinzessinnen
Die subtile Art des Aschenputtel

Münster-Wolbeck -

„Die Eiskönigin“ nach der Geschichte von Hans Christian Andersen ist der Weihnachtsfilm des Jahres, Märchenlesungen haben Konjunktur. Auf der anderen Seite wird die Gattung stets scharf kritisiert: Zu brutal, zu viele Klischees, meinen viele. Märchen bleiben umstritten. WN-Redakteurin Iris Sauer-Waltermann sprach mit dem ausgewiesenen Fachmann Dr. Oliver Geister, der sich dem Thema auch wissenschaftlich nähert.

Montag, 23.12.2013, 19:12 Uhr

 
  Foto: isa

Nachdem Märchen vor allem in den 1960er und 1970er Jahren verpönt waren, gewinnen sie heute wieder an Beliebtheit. Wie ist das zu erklären?

Geister : Ich glaube, dass heute viele Eltern Märchen aus ihren eigenen Kindertagen kennen und diese ihren Kindern weitergeben. Kinder lernen Märchen heute auch durch neue Medien kennen und sind fasziniert von diesen wunderbaren Geschichten.

Wunderbar? Der Wolf frisst Rotkäppchen bei lebendigem Leib auf, und die Hexe verbrennt im Ofen. Kann man Kindern solche Gewaltszenen zumuten?

Geister: Wenn man sich diese Szenen bildlich vorstellt, wirken sie natürlich grausam. Interessanterweise sagen Studenten, die sich in meinen Seminaren erneut mit Märchen beschäftigen, oft: „Ich wusste ja gar nicht mehr, wie grausam diese Märchen sind. Das hatte ich als Kind gar nicht so empfunden!“ Ich glaube, das trifft den Punkt. Kinder neigen nicht so sehr wie Erwachsene dazu, sich solche Szenen bildlich vorzustellen. Für sie erhalten die Bösen einfach ihre gerechte Strafe.

Sehr beklemmend ist die Szene, in der Hänsel und Gretel von ihren eigenen Eltern verstoßen werden. Ist das nicht ein schreckliches Szenario für Kinder?

Geister: Das Böse gehört zum Märchen, so wie es Teil unserer wirklichen Welt ist. Märchen wären belanglose Geschichtchen, wenn sie das Böse ignorieren würden. Das Verstoßenwerden durch die eigenen Eltern ist eine Urangst von Kindern, die jeder kennt. Da Hänsel und Gretel aber wieder nach Hause finden, sogar mit einem Schatz, geht es für sie gut aus. Sie haben ihre Angst erfolgreich bewältigt. Das Kind, das dieses Märchen hört, wird sich mit den Geschwistern identifizieren, und daher spendet dieses Märchen Hoffnung und Mut. Deshalb haben Psychologen immer wieder darauf hingewiesen, dass Märchen entwicklungsfördernd wirken können.

Kritisiert wird an Märchen auch das Frauenbild . So wird das bescheidene Aschenputtel belohnt, weil es ohne Widerspruch niedrige Arbeiten erledigt. Soll man kleinen Mädchen diese Bravheit vermitteln?

Geister: Es ist schon wahr, dass bei den weiblichen Märchenfiguren häufig veraltete Rollenklischees mitschwingen. Die Grimms, die dieses Märchen um 1810 aufzeichneten, sind auch nur Kinder ihrer Zeit. Trotzdem kommt das Aschenputtel mit seinem vordergründigen Gehorsam auf subtile Art und Weise an sein Ziel. Genau dieses Märchen habe ich mit Studierenden kürzliche diskutiert. Während einige dem Aschenputtel Passivität vorwarfen, sprachen andere von „stiller Rebellion“. Das Aschenputtel hat seine eigenen Überzeugungen und Werte nicht verraten und gelangt damit an sein Ziel.

Es bleibt der Prototyp der passiven weiblichen Hauptperson. Sie wartet auf den Prinzen, der um die Angebetete kämpft. Ganz extrem ist diese Rolle beim schlafenden Dornröschen oder gar beim toten Schneewittchen. Sind derartige Frauen-Vorbilder nicht äußerst fragwürdig?

Geister: Teilweise schon. Vor allem, wenn man diese Märchen wörtlich nimmt und sie auf unsere heutige Zeit eins zu eins überträgt. Es gibt aber auch eine andere, symbolische Lesart, die Kinder manchmal besser beherrschen als Erwachsene, die es gewohnt sind, immer möglichst logisch und rational zu denken. Vielleicht steckt im Märchen Dornröschen auch die Botschaft „Gut Ding will Weile haben“. Grundsätzlich gilt jedoch: Die heutige Märchenpädagogik sollte Kindern immer auch eine kritische Märchenrezeption nahelegen und ihnen vielleicht auch vermitteln, dass man nicht nur auf den Prinzen warten muss, sondern auch selbst zur Heckenschere greifen kann.

Ist nicht zu kritisieren, dass Märchen zu Erziehungszwecken missbraucht werden? Wie etwa beim „Rotkäppchen“, das sich vom Wolf ansprechen lässt und anschließend aufgefressen wird?

Geister: Das trifft ja nicht auf jedes Märchen zu. „Der Froschkönig“ etwa beweist das Gegenteil. Der Vater verlangt von der Tochter, dass sie ihr Versprechen gegenüber dem Frosch hält. Aber sie schert sich nicht darum und schmeißt den Frosch zornig an die Wand. Dieser Ungehorsam ist aber erst die Voraussetzung dafür, dass der Frosch zum Prinzen wird und sie heiraten können. Dies kann man als eine Emanzipationsgeschichte verstehen! Und auch die Erziehungsziele von „Der Wolf und die sieben Geißlein“ oder vom „Rotkäppchen“ sind heute noch wichtig. Mache Fremden nicht die Tür auf! Lass dich nicht von Ihnen ansprechen! Das kann man Kindern noch immer mit Märchen vermitteln.

Wie ist die Faszination zu erklären, mit der viele Kinder Märchen begegnen?

Geister: Märchen beinhalten sehr einprägsame und faszinierende Bilder. Auch wenn sie ursprünglich gar nicht vorrangig für Kinder gedacht waren, so sind sie eine Textgattung, die für sie geeignet und ansprechend sind: Sie sind kurz, linear erzählt und folgen einem einfachen Gut-und-Böse-Schema. Der Märchenheld ist oft selbst noch ein Kind und das erleichtert die Identifikation.

Märchen waren nicht für Kinder geschrieben? Sie sind doch als „Kinder- und Hausmärchen“ bekannt geworden?

Geister: Märchen waren lange die Literatur der armen Leute. Sie wurden daher auch nicht aufgeschrieben, sondern vor allem erzählt, an langen Winterabenden oder bei der Arbeit, etwa beim Spinnen. Die Redewendung „Du spinnst doch“ hat daher eine ähnliche Bedeutung wie „Erzähl doch keine Märchen!“ Erst als die Grimms 1812 ihr Märchenbuch veröffentlichten, wurden Märchen nach und nach zu einer spezifischen Kinderliteratur, seit mittlerweile 200 Jahren.

Sie sind ein glühender Befürworter der Gattung. Was ist Ihr Hauptargument?

Geister: Märchen sind zwar nicht wahr, aber sie vermitteln mit ihren Sprachbildern dennoch Wahrheiten. In ihnen sind Weltwissen und Lebenserfahrungen gespeichert, die über Generationen weitergegeben worden. Ich glaube, dass man in der Auseinandersetzung mit Märchen sich selbst besser verstehen lernen kann. Man denke nur sein Lieblingsmärchen und frage sich, warum man sich als Kind mit dieser oder jener Märchenfigur so gerne identifiziert haben. Das ist so, als ob man in einen Spiegel blickt.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2121046?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F132%2F144%2F1758522%2F2575593%2F
Nachrichten-Ticker