Geschichten rund um den Send
„Unser Publikum ist treu“

Münster-Wolbeck -

Gäste des Awo-Treffs konnten die 104 Jahre alte Heitmann-Orgel, die ihren Platz auf dem Send hat bewundern.

Samstag, 14.11.2015, 09:11 Uhr

Boten tiefen Einblick in die Geschichte des Send und das heutige Leben der Send-Schausteller: Wilfried Altrogge (l.) und Heinz-Willi Kehren vor der Heitmann-Konzertorgel von anno 1904.
Boten tiefen Einblick in die Geschichte des Send und das heutige Leben der Send-Schausteller: Wilfried Altrogge (l.) und Heinz-Willi Kehren vor der Heitmann-Konzertorgel von anno 1904. Foto: anh

Muntere Musik klingt aus der wohnwagengroßen Konzertorgel auf dem Parkplatz der Haltestelle Sültemeyer. Kindergarten-Kinder genießen die Klänge ausgiebig, Ältere lauschen, eine junge Frau steht mit strahlendem Gesicht an der Ecke des benachbarten Kreativzentrums und filmt mit dem Smartphone.

Das große Gefährt entstand 1904 im Breisgau. Fritz Heitmann hat es nach Wolbeck geschickt, ein Schausteller einer der Familien-“Dynastien“ des Send . Mitgekommen ist der Münsteraner Wilfried Altrogge , Schausteller in vierter Generation und „über 100 Jahre auf dem Send“.

Zuerst durchleuchtete Heinz-Willi Kehren im Awo-Treff mit knapp 20 Gästen des Awo-Themenkreises Werden und Wesen des Sends. „Freimarkt ist der Ausdruck für freien Handel - das hat ganz viel mit unserem Send zu tun.“ Dessen Geschichte begann im achten Jahrhundert: „Der Send ist älter als die Stadtrechte Münsters“.

Altrogge zieht 30 Mal im Jahr um. Seit Jahrzehnten mit einem 18-Tonnen-Schausteller-Wagen, der aufgebaut fünf Meter breit und 18 Meter lang ist. Schausteller-Kinder haben es nicht leicht; seine Söhne haben beide Abitur. Aber gesehen habe er sie „genau viermal. im Jahr“. 1971, mit 21 Jahren, meldete er sein Gewerbe an.

Etwas Besonderes hat die Gemeinschaft der Schausteller. „Wir sind alle Konkurrenten, aber wir sind unheimlich hilfsbereit, alle.“ Horst-Herbert Camen, Vorsitzender der Awo , hat als früherer Ratsherr enge Kontakte zur Schaustellerei und hat die Geschichte von der in München ausgefallenen Zugmaschine parat: Ein Kollege setzte von Münster aus seine eigene ein, um den Konkurrenten nach Münster zu ziehen: „Die Hilfsbereitschaft der Schausteller ist sagenhaft, resümiert Camen.

Altrogge betreibt ein Kinder-Karussel und zwei Spezialitäten-Imbisse – einer ist die „Windmühle“, Luigi Colani schuf sie Anfang der 80er Jahre. „Unser Publikum ist treu“, sagt Altrogge, aber wo es früher zwei Groß-Veranstaltungen gab in einem Jahr, sind es heute etwa drei pro Woche. Viele Attraktionen von einst spielen nicht mehr die Kosten ein. Reparaturen sind teuer – auch, weil es immer weniger Spezialisten gibt. Deftig gestiegen sind die Standkosten, für Strom zahlen die Schausteller ein Vielfaches der normalen Verbraucherpreise. Und das liege nicht nur an der Notwendigkeit, jede Woche einen neuen Anschluss einzurichten. Die Wildwasserbahn habe etwa drei Millionen gekostet, die müssten erst einmal abbezahlt werden. Einige der Awo-Gäste vermissen traditionelle Angebote. In Soest habe man mal einen Nostalgie-Markt organisiert. „Es war ein Flop“, sagt Altrogge.

Nach dem Vortrag stehen Neugierige vor der Konzertorgel, die in wechselnden Farben zum Klang der Musik leuchtet. In ihrem Innern faltet sich Seite um Seite Lochpapier – das für den Wohlklang der Orgel sorgt – - auf einen fast meterhohen Stapel. Das Ende naht. 20 Minuten Spielzeit wiegen etwa zehn Kilogramm, sagt der Mitarbeiter und räumt die solide grüne Kiste in eine Ecke. Kasten IX bietet „Die Bosniacker kommen“, „Hochzeit der Winde“, „Valenzia-Marsch“ und „Berlin bleibt Berlin“. Das steht auf den bejahrten Zetteln zum Programm der Konzertorgel Fritz Heitmann + Sohn. Nächste Station: Winterpause in Hiltrup.

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