Henning Stoffers münsterische Alltagsgeschichte über Frieda von Merveldt
Die Gräfin als „Luftschutzwart“

Münster-Wolbeck -

Der Aktenordner ist schlicht. Sein Inhalt wirkt trocken – so lange man nicht wirklich hineinschaut. Der Kinderhauser Henning Stoffers hat aber genau das getan, als er die nach der Entrümpelung einer Wohnung übriggebliebenen Schriftstücke vor einigen Wochen erhielt. Sie beschäftigen sich mit Frieda Gräfin von Merveldt, einer weitläufigen Verwandten des Wolbecker Drostenhof-Hausherrn Franz-Pius Graf von Merveldt.

Dienstag, 16.04.2019, 00:00 Uhr
Vor einigen Wochen erhielt der Kinderhauser Hennig Stoffers, der sich mit der münsterischen Geschichte beschäftigt, Schriftstücke, aus dem Besitz von Frieda Gräfin von Merveldt. Sie war zuständig für die Luftschutzgemeinschaft der Häuser Heerdestraße 3 bis 11.
Vor einigen Wochen erhielt der Kinderhauser Hennig Stoffers, der sich mit der münsterischen Geschichte beschäftigt, Schriftstücke, aus dem Besitz von Frieda Gräfin von Merveldt. Sie war zuständig für die Luftschutzgemeinschaft der Häuser Heerdestraße 3 bis 11. Foto: Jan Schneider

Stoffers , ein Erforscher und Kenner der münsterischen Alltagsgeschichte, erhielt dadurch Einblick in die häuslichen Vorbereitungen für einen modernen Krieg.

Die amtlichen Anordnungen, Merkblätter, Bauanleitungen und Werbebroschüren stammen aus dem Besitz von Frieda Gräfin von Merveldt. Die 1897 geborene Mutter von vier Kindern war seit 1931 Witwe. Sie arbeitete, erläutert der Kinderhauser, als Sprachlehrerin sowie Übersetzerin und lebte im Haus Heerdestraße 11, das ihr gehörte. „Sie stammt aus einer anderen Merveldt-Linie als der unseren“, erklärt der Wolbecker Franz-Pius Graf von Merveldt auf Anfrage unserer Zeitung. Gleichwohl habe er „Tante Frieda“, eine geborene von Blaschke, noch gut gekannt. Eine ihrer Enkelinnen, Stephanie, sei sein Patenkind.

Frieda Gräfin von Merveldt war der Polizei als „Selbstschutzkraft“ gemeldet worden. Offenbar glaubte jemand, sie sei fähig, sich und andere wirksam zu beschützen. Daher wurde die Gräfin 1937 vom „Reichsluftschutzbund Münster“ im rüden Kommandoton schriftlich aufgefordert, sich am 13. April im Schiller-Gymnasium zu einem Lehrgang einzufinden. Sie sollte „Luftschutzwart“ werden. Eine weibliche Form diese Begriffs habe es damals nicht gegeben, so Stoffers.

„Die hat sich nicht freiwillig gemeldet“, betont der Kinderhauser. Seine Dokumente belegen, dass Gräfin Frieda der Anordnung nachkam und die Ausbildung absolvierte. Danach war sie zuständig für die „Luftschutzgemeinschaft“ der Häuser Heerdestraße 3 bis 11.

Der Aktenordner zeigt zudem, was die Gräfin anschließend in „ihren“ Häusern veranlassen musste, um sie – zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges - gegen Luftangriffe abzusichern. Zudem gibt es im Ordner einen aus heutiger Sicht bizarren Prospekt, der bezeugt, das man „Luftschutz-Sanitätsgeräte“ – sprich verschiedene Ausführungen spezieller Verbandskästen und „Gastaschen“ – ganz einfach in der Apotheke nebenan kaufen konnte. Die Wirkung von Giftgas war vielen Menschen noch aus dem Ersten Weltkrieg bekannt.

Für die so gerüsteten Luftschutzwarte galt es unter anderem, Schutzräume zu schaffen. Wie die genau aussehen sollten, legte eine Verordnung vom 17. August 1939 zwei Wochen vor Kriegsbeginn fest. Kellerfenster wurden vermauert. Es gab in vielen Häusern Mauerdurchbrüche zu benachbarten Kellern, um leichter fliehen zu können. Und es gab penible Beispielrechnungen, wie groß die Schutzräume sein sollten.

16 Quadratmeter seien ausreichend für elf Menschen. Wie die Nottoilette für sie im Keller auszusehen hatte, wird auch beschrieben: ein Eimer hinter einem Vorhang, mit einem Sandbehälter daneben – „zur Vermeidung unangenehmer Gerüche“.

Akribisch wird zudem aufgelistet, wie sich die Hausbewohner unter den Augen des Luftschutzwarts in den Schutzraum zu begeben haben („in Ruhe und Ordnung“) oder wie die Hausfeuerwehr Brände bekämpfen soll („zweckmäßig ist Wassernachschub durch Eimerkette“). Was nicht ins Amtsdeutsch passte, war die Angst der Menschen in den Luftschutzräumen.

Davon hat Stoffers Familie auch selbst noch etwas mitbekommen: Er wurde zwischen zwei Angriffen geboren. Mit dem Neugeborenen und einem Bruder flüchtete seine Mutter vor den Bomben wieder in den Keller.

Das Haus Heerdestraße 11, in dem die Gräfin Luftschutzwart war, hat den Krieg unbeschadet überstanden. Frieda Gräfin von Merveldt starb 1972 in Hiltrup.  

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