Der Dichter besuchte 1912 das Kurhaus an der Hofstraße
Jacob van Hoddis: Wendepunkt in Wolbeck

Münster-Wolbeck -

Im Jahr 1911 erschien das Gedicht „Weltende“ von Jakob van Hoddis, das rasend schnell Karriere machte. Ein Jahr nach seinem Durchbruch wurde der deutsche Dichter in „Dr. Lackmanns Kurhaus“ in Wolbeck als Patient aufgenommen. Der Aufenthalt wurde zu einem Wendepunkt im Leben des unsteten Künstlers.

Freitag, 23.08.2019, 11:00 Uhr
Noch steht das Markenzeichen des ehemaligen Kurhauses: das Brückengebäude über die Angel (großes Foto). Die Gebäude westlich der Angel sind bereits eingeebnet worden.
Noch steht das Markenzeichen des ehemaligen Kurhauses: das Brückengebäude über die Angel (großes Foto). Die Gebäude westlich der Angel sind bereits eingeebnet worden. Foto: mlü

Die Autorin und Ausstellungskuratorin Irene Stratenwerth hat darüber bereits im Jahr 2001 einen Forschungsaufsatz geschrieben. Ihre These: „Bis zum Herbst 1912 war Jakob van Hoddis ein verbummelter Student, ein Bohemien und ein nicht mehr ganz unbekannter Dichter. Nach diesem September und Oktober, nach dem gescheiterten Versuch, in der ländlichen Stille von Wolbeck zur Ruhe zu kommen, aber wird man in Hoddis immer auch den geisteskranken Patienten sehen.“

Das Kurhaus in Wolbeck galt für damalige Verhältnisse als eher fortschrittliche Einrichtung. Der ärztliche Leiter Wilhelm Lackmann hatte seine Ausbildung im Sanatorium Bellevue am Bodensee genossen, „eine renommierte Adresse“, so Irene Stratenwerth. Im Werbeprospekt ist von milden Wasserkuren, Bädern, Massagen, Gymnastik, Luft- und Sonnenbädern die Rede. Darüber hinaus wurde in Wolbeck auch schon Psychotherapie angeboten.

Das Gedicht „Weltende“ von 1911 gilt bis heute als Fundament des Frühexpressionismus und erschien erstmals in der Zeitschrift „Der Demokrat“.

Das Gedicht „Weltende“ von 1911 gilt bis heute als Fundament des Frühexpressionismus und erschien erstmals in der Zeitschrift „Der Demokrat“.

Der Schriftsteller Paul Pörtner hat 1958 Wilhelm Lackmann über seinen berühmten Patienten befragt. „Es fiel mir auf, dass er nie seine Kleider wechselte und immer bis drei Uhr nachts arbeitete“, erinnerte sich Lackmann in diesem Interview. Der wichtigste Ort in Wolbeck sei für den zerrütteten Dichter die Kapelle im Kurgarten gewesen. Jacob van Hoddis war kurz vor seinem Kuraufenthalt zum Katholik geworden und löcherte den Kaplan mit religiösen Fragen.

Ende Oktober 1912 flieht Hans Davidsohn, so sein bürgerlicher Name, aus Wolbeck. Vermutlich, weil ihm der Besuch seiner Familie angekündigt wird. Das Verhältnis ist schwierig. Van Hoddis reist nach Berlin zu seiner Lieblingstante, der er vertraut. Doch die macht, was Jacob van Hoddis eigentlich von seiner Mutter befürchtet hatte: die Tante lässt ihn gewaltsam in die Psychiatrie einweisen.

Dennoch: Von 1908 bis 1915 gelingt es Jakob van Hoddis, seinen Traum zu leben, ein Schriftsteller zu sein. In diesen sieben Jahren entstehen rund einhundert Gedichte. „Sie bringen das Lebensgefühl seiner Generation auf den Punkt“, schreibt Irene Stratenwerth.

Und das „Weltenende“? Die Meere „hupfen“, Dachdecker „gehen entzwei“, Menschen bekommen „einen Schnupfen“. Die flotten Zeilen fühlen sich eher wie absurdes Theater und nicht wie eine Katastrophe an. 1910 hatten viele Menschen Angst vor einem Einschlag des Halleyschen Kometen auf der Erde. Dazu kam es nicht. Hat sich Jacob van Hoddis darüber lustig gemacht? War das sogar Medienkritik?

Viele Kenner behaupten: Das „Weltenende“ war auch der geistreiche Kampf gegen ein gelangweilte Bürgertum, das sich am Ende einer langen Friedenszeit nur noch seinem eigenen Untergang entgegensehnt. Drei Jahre nach dem „Weltenende“ begann der Erste Weltkrieg.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6866427?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F132%2F144%2F
Das ändert sich mit dem Fahrplanwechsel im Münsterland
Bahnverkehr: Das ändert sich mit dem Fahrplanwechsel im Münsterland
Nachrichten-Ticker