Geflüchtete Menschen damals wie heute
Nächster Halt Buenos Aires

Münster-Wolbeck -

Flucht ist keine Geschichte von 2015. Geflohen sind Menschen immer wieder. Wegen Ihrer Religion, ihrer Kultur, ihrer gesellschaftlichen Position. Auch aus Deutschland. Und viele Geschichten gleichen sich. Nur die Fluchtwege haben sich verändert. Der Wolbecker Sammler Gerd-Peter Bragulla erinnert an Menschen, die aus Deutschland geflohen sind – nach Argentinien oder in die Dominikanische Republik. Darunter auch alleinreisende Minderjährige, wie der erst fünfjährige Peter Oppenheimer.

Dienstag, 29.10.2019, 17:34 Uhr aktualisiert: 29.10.2019, 18:26 Uhr
Die Fotografien auf den Dokumente zeigen, wie jung die jüdischen Auswanderer waren und dass Familien oft ohne den Vater ausreisten.
Die Fotografien auf den Dokumente zeigen, wie jung die jüdischen Auswanderer waren und dass Familien oft ohne den Vater ausreisten. Foto: Peter Sauer

Eine ARD-Dokumentation über die gefährliche Flucht jüdischer Männer, Frauen und Kinder vor dem Nazi-Regime brachte den Wolbecker Sammler Gerd-Peter Bragulla auf die Idee, selbst weiter zu forschen.

Da der Steuerberater seit Jahren auf Tauschbörsen und in Sammlerkreisen historische Originaldokumente sammelt, vertiefte sich Bragulla für seine Forschungen nach Feierabend nicht in einer öffentlichen Bibliothek, sondern in seinem eigenen Privatarchiv, das er in mehreren Räumen seit Jahren schrittweise erstellt.

Seine Entdeckungen über Juden, die per Schiff aus Deutschland emigrierten und dann weiter kämpfen mussten, um in Europa oder Übersee als geflüchtete Menschen aufgenommen zu werden, sind lebendige Zeitgeschichte. Sehr bewegend sind die Ausreisepapiere und Schiffslisten, die einerseits die damalige Bürokratie abbilden, andererseits unbekannten Schicksalen Bedeutung und einen Namen geben, sowie sie in die Jetztzeit holen.

Die argentinische Botschaft stellte die Dokumente aus.

Die argentinische Botschaft stellte die Dokumente aus. Foto: Peter Sauer

Die Fotos der Geflüchteten auf den Ausreisepapieren gehen unter die Haut: oftmals leere traurige Augen bei den Erwachsenen – unsichere bis zuversichtliche Gesichter bei den Kindern. Allen gemeinsam ist die Hoffnung auf die bessere Zukunft, in der sie Dampfschiffe, wie die „Cap Arcona“, bringen sollen.

Gerd-Peter Bragullas Gesicht wird ernst, seine kraftvolle Stimme etwas dünn: Die von ihm in Alleinregie gesammelten, gepflegten, geordneten und strukturierten Originaldokumente, die er mit eigenen Erklärtexten versehen hat, machen ihn zwar einerseits stolz. „So eine Sammlung gibt es sonst in keinem Privatarchiv.“

Andererseits erinnern ihn die damaligen Schicksale der geflüchteten Juden sehr an die heutige Zeit, in der wieder Flüchtlinge mit Schiffen über das Meer kommen und auf verschiedene Länder verteilt werden. „Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, die Erinnerung wach zu halten, dass es auch vor 2015 Fluchtgeschichten gegeben hat und zum Beispiel mit den jüdischen Emigranten viele Deutsche auf der Flucht waren – das ist gerade mal 80 Jahre her und wird schnell vergessen.“

Vorsichtig zieht der Wolbecker die Aus- und Einreisedokumente mit den Originalfotos und Stempeln sowie die hand- und schreibmaschinengeschriebenen Passagierlisten aus dem dicken Ordner. Einzelne Namen stehen für die verschiedenen Emigrationswellen, die vor und nach der Machtergreifung stattfanden. Diese Auswanderungen waren oft überstürzt, da an die große Hoffnung geglaubt wurde, dass das baldige Ende des Nationalsozialismus eine schnelle Rückkehr ermöglichen würde.

Sammler Gerd-Peter Bragulla setzt sich für eine geschichtliche Erinnerungskultur ein.

Sammler Gerd-Peter Bragulla setzt sich für eine geschichtliche Erinnerungskultur ein. Foto: Peter Sauer

„Ein Dokument kann nicht lügen, jeder kann sich offen damit beschäftigen ohne eine vorgefasste Interpretation“, erläutert Sammler Bragulla die Bedeutung seiner historischen Fundstücke. Der 76-Jährige veranschaulicht dies zum Beispiel an den Ausreisepapieren von Elisabeth Schönreich und ihren drei Kindern – ausgestellt vom Argentinischen Konsulat in Berlin. Die Schiffspassage mit der „Monte Sarmiento“ nach Argentinien rettete ihr Leben und auch das der anderen Passagiere, die auf den „Lista de los pasageros“ mit Alter, Kabinennummer und Berufsbezeichnung notiert sind – vom Eisenbahner über Börsenmakler bis zum Arzt. Das zeigt: Die Ausreise konnten sich nicht alle leisten. Die große Bürokratie war für viele ein weiteres, oft unüberwindbares Hindernis.

Die Nürnberger Gesetze 1935 sorgten für eine weitere Auswanderungswelle. Insgesamt verließen zwischen 1933 und 1937 rund 130 000 Juden NS-Deutschland. Viele wanderten nach Südafrika, Palästina und Lateinamerika aus, manche nach Osteuropa. In einem Brief an eine Bekannte in Buenos Aires klagt Edith Frank-Holländer , die Mutter von Anne Frank, Ende 1937 in einem Dokument aus dem Anne Frank House: „Ich glaube, alle deutschen Juden suchen heute die Welt ab und können nicht mehr rein.“

Schwieriger gestaltete sich die Emigrationswelle nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Einige alleinreisende minderjährige Flüchtlinge verließen damals Deutschland. Gerd-Peter Bragulla zeigt die Papiere des erst fünfjährigen Peter Oppenheimer – 1939 unterwegs auf dem Dampfer „Monte Oliva“ Richtung Buenos Aires. Sein fröhliches Kinder-Lächeln ragt hervor – als helles Licht in einer dunklen Zeit.

Peter Oppenheimer

Peter Oppenheimer Foto: Peter Sauer

Allein zwischen 1933 und 1939 wanderten – nach historischen Quellen – rund 45 000 Juden aus dem Deutschen Reich nach Argentinien aus, das, gemessen an der Bevölkerungszahl, so viele jüdische Einwanderer aufnahm, wie kein anderes Land. Auf einer Karte von 1940 zeigt Gerd-Peter Bragulla außerdem die jüdische Siedlung in der Dominikanischen Republik und anhand eines Zeitungsberichtes, wie schwierig es war, dort Arbeit zu finden, von der man leben konnte.

Im Laufe der Jahre wurde es für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland immer schwieriger ein sicheres Land zu bekommen. Südafrika und das britische Mandatsgebiet Palästina begrenzten die Aufnahme, Großbritannien und Kanada nahmen nur eine kleine Zahl Geflüchteter auf. „Die Parallelen zu den heutigen Flüchtlingswellen sind unübersehbar“, sagt Bragulla, „nur dass damals Deutsche aus ihrem eigenen Land fliehen mussten“.

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