Wie Weihnachten im ehemaligen Kurhaus Wolbeck gefeiert wurde
Der Sanitätsrat griff selbst zur Geige

Münster-Wolbeck -

Das Kurhaus von Wolbeck war ein Schmuckstück. Leider verfiel es im Laufe der Zeit. Mittlerweise ist es abgerissen. Doch es gibt nicht wenige Erinnerungen an jene Zeit, in der Menschen in Wolbeck Kur-Luft schnupperten. Auch zur Weihnachtszeit.

Dienstag, 17.12.2019, 00:00 Uhr
Die Krippe im großen Speisesaal des Kurhauses ist Gernholt in guter Erinnerung geblieben: „Die Figuren waren schön und groß.“
Die Krippe im großen Speisesaal des Kurhauses ist Gernholt in guter Erinnerung geblieben: „Die Figuren waren schön und groß.“ Foto: privat

„Oh komm, oh komm, Emanuel!“, klang es an Heiligabend aus dem großen, festlich im Jugendstil möblierten, von Gemälden, Geweihen und feinen Vitrinen umsäumten und mit Meißener Porzellan eingedecktem Speisesaal des Kurhauses von Dr. Wilhelm Lackmann an der Hofstraße. Der Sanitätsrat wies zu Beginn der Weihnachtsfeier nach seiner Begrüßung darauf hin, dass es ja noch Advent sei und dass deshalb zuerst das Adventslied gesungen werde. Der Hausherr persönlich griff dazu mit Verve zur Geige, erinnert sich Alfons Gernholt .

Der Wolbecker kennt das Kurhaus (gegründet 1893 als Wasserheilanstalt) wie kein Zweiter, schließlich erlebte er dort drei Jahrzehnte wechselvollen Kurhauslebens – von der Blüte bis zum Niedergang. Damals war der Blick vom Kurhaus mit seinen weiten Anlagen noch frei auf den Wolbecker Ortskern. Der Kurbetrieb mit 50 Beherbergungszimmern wurde mit dem Tod von Dr. Lackmann 1959 aufgegeben, das Kurhaus 1965 entkernt, die Gebäude anschließend zu „überformten“ Wohnzwecken umgestaltet. Der allmähliche Verfall setzte ein. Traurig ist der heute 80-jährige Gernholt über den Abriss des Kurhauses 2019.

Seine Mutter Marta war dort Serviererin, sein Vater Josef Gärtner und Bademeister. „Wir lebten in einer Dienstwohnung im östlichen Gebäudeteil, der heute überraschenderweise noch steht.“ Auch wenn der kleine Alfons schön früh im Kurhaus mitanpacken musste (zum Beispiel beim Servieren im Speisesaal), der mondäne Kurbetrieb mit Kurpark, Gesellschaften und den Kneippschen Kaltwasseranwendungen in der Angel beeindruckte ihn sehr. „Ich habe heute noch kreischende Frauenstimmen im Ohr.“

Die Angel verschaffte dem Knaben auch einen ganz persönlichen Erfolg. Ein kleines Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn mit einem 1,10 Meter langen Hecht. „Den habe ich aus der Angel gefangen.“

In guter Erinnerung hat der heute 80-Jährige auch die Weihnachtsfeiern im Kurhaus. „Dann weilten die allein stehenden Kurgäste im Haus, Damen wie Herren, außerdem die Mitglieder der Familie Lackmann und die Bediensteten“, sagt Gernholt und kramt in alten, weißumrandeten Fotos, die in einem schmucken kleinen querformatigem Fotoalbum auf schwarzem Papier kleben.

„Die stimmungsvoll geschmückte Krippe mit den zahlreichen Figuren war so groß, dass sie die gesamte Fensterfront des großen Speisesaals einnahm.“ Der lag an der westlichen Seite. „Die Krippe war im expressionistischen Stil gestaltet und besaß Figuren, die mit ungefähr 70 Zentimetern sehr groß waren.“

Die großzügige Krippe korrespondierte gut mit einer ebenso imposanten langen Speisetafel – nicht nur für die Kurgäste. „Das letzte Drittel der langen Tafel war stets für das Personal und die Kinder aus der Nachbarschaft reserviert“, erinnert sich Gernholt. „Das war immer eine sehr schöne Geste von Dr. Lackmann, der eine große soziale Ader hatte“, berichtet er.

Schon als kleiner Junge half Gernholt mit, zur Weihnachtszeit die Krippe aufzubauen. Mit Pferd und Wagen fuhr er mit einem Knecht zum Fronhof. Dort wartete schon Förster Ewald Geismann auf sie. Bis zu sechs Fichten aus dem Bestand von Gutsbesitzer Bischoff, die – passend zu den damals hohen Decken im Kurhaus fast vier Meter lang waren – wurden dann zum Kurhaus transportiert, aufgestellt und mit kostbaren Kugeln geschmückt.

Auch in den Kriegsjahren wurde Weihnachten stilvoll gefeiert. Für jedes Kind gab es einen bunten Plätzchenteller und ein kleines Geschenk. „Der Kontakt zur Familie Lackmann war immer gut“, sagt Alfons Gernholt.

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