Märchen zur Zeit der Nationalsozialisten
Als Durchhalte-Propaganda missbraucht

Münster-Wolbeck -

Märchen, „sie werden von Tätern wie Opfern geliebt“, sagt Dr. Oliver Geister. Der Umgang des NS-Regimes mit Märchen sei propagandistisch gewesen. Geister beleuchtete das Thema jetzt in Wolbeck.

Dienstag, 11.02.2020, 13:37 Uhr aktualisiert: 11.02.2020, 16:42 Uhr
Dr. Oliver Geister:
Dr. Oliver Geister: Foto: Andreas Hasenkamp

Märchen seien ambivalent, also zwiespältig oder doppeldeutig, sagt Dr. Oliver Geister : Das gelte besonders für „Märchen in dunkler Zeit“, womit er die Zeit des Nationalsozialismus meint. Märchen, „sie werden von Tätern wie Opfern geliebt.“ Jetzt stellte Geister seine Gedanken, Forschungsergebnisse und Pläne für ein Buch in der Buchhandlung „Buchfink“ vor.

Adolf Hitler habe gerne den Film Schneewittchen und die 7 Zwerge gesehen, aber mit derselben Geschichte sei das Überleben von Dina Gottliebova verbunden: Sie malte im KZ ein Motiv daraus auf eine Kinderbaracke, berichtete Oliver Geister; das habe Josef Mengele gesehen, der für seine Versuche an Menschen einzelne Malerinnen suchte: „Gottliebova überlebte“, sagte der Referent.

Einige KZ-Häftlinge hätten Märchen geschrieben, um ihren Kindern etwas zu hinterlassen. Auch Anne Frank, erinnerte Geister, habe Märchen verfasst und erzählt. Das Märchen „Der kleine Prinz“ stamme ebenso aus dem Krieg; sein Autor fiel ihm zum Opfer.

Der Umgang des NS-Regimes mit Märchen sei propagandistisch gewesen, sie seien auch benutzt worden als Teil einer Durchhalte-Propaganda für junge Soldaten, die zum Kriegsende „verheizt“ wurden. Im Märchen „Rumpelstilzchen“ wurde die Hauptfigur als Jude gedeutet – „absurd“, sagte Geister.

Märchen seien offen für Ideologie und spendeten Hoffnung. „Täter und Opfer lasen dieselben Märchen.“

„Ein Buch ist beabsichtigt“, sagt der Autor mehrerer Bücher mit dem Thema Märchen, aber noch nicht geschrieben. Wann es fertig wird, ist offen, auch der Verlag. Nach Geisters Recherchen gibt es hier eine Lücke in der Literatur. Denn es sind viele Studien zu einzelnen Aspekten erschienen, aber keine Gesamtdarstellung. Anders ist es bei Märchenverfilmungen aus der NS-Zeit.

Der Termin in der Buchhandlung hatte für Geister auch den Zweck, „Rückmeldungen“ aus dem Publikum zu gewinnen, vor dem „einsamen Schreibprozess“.

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