Rockband „The Rosinenbomber“ belebte Wolbecker Kurhaus
Rock ‘n‘ Roll im Kurpark

Münster-Wolbeck -

In der Gaststätte „Kiepe“ traf Wolff 2008 den kalifornischen GI Brad Irvin. Der hatte sich in die Wolbeckerin Melanie verliebt. Die beiden leidenschaftlichen Musik- und Geschichtsfans Karsten und Brad kamen ins Gespräch über die „Rosinen-Bomber“ der Amerikaner. Die hatten 1948/49 die Berliner vor dem Verhungern gerettet, nachdem die sowjetische Besatzungsmacht die Land- und Wasserwege gesperrt hatte.

Samstag, 11.04.2020, 18:00 Uhr
Im Treppenhaus des alten Kurhauses posierte die Band „The Rosinenbomber“ um 2010 in der Besetzung (v.l.) Martin Hähn (Bass), Hansi Meier (1948-2018), Norbert Fritsch, Karsten Wolff und Martin Gorenz (gestorben 2013).
Im Treppenhaus des alten Kurhauses posierte die Band „The Rosinenbomber“ um 2010 in der Besetzung (v.l.) Martin Hähn (Bass), Hansi Meier (1948-2018), Norbert Fritsch, Karsten Wolff und Martin Gorenz (gestorben 2013). Foto: Karsten Wolff

Der Wolbecker Wolff und der Amerikaner Irvin gründeten zur Erinnerung an die „Luftbrücke“ eine Rock-Band. Als „The Rosinenbomber“ (vormals „The Alliez“) hatten sie ihren ersten Auftritt 2009. Der Angelmodder Norbert Fritzsch saß am Schlagzeug, Karsten Wolff spielte Gitarre und sang, wie auch E-Bassist Brad Irvin und Hansi Meier. Der Performer lebte auch im Kurhaus (im ersten Stock). Von 1969 bis 1972 hatte er in der „Lila Eule“ in der Königspassage als DJ Platten aufgelegt.

Karsten Wolff hatte im zweiten Stock des Altbaus eine Wohngemeinschaft gegründet. „Unser Kurhaus war bunt und offen. Da wohnte unter anderem auch ein lettisches Pärchen und bei mir ein Pole, den ich nach seiner Scheidung aufgenommen hatte.“

Durch das große Holz-Treppenhaus des alten Kurhauses gelangte man auch zu den Upkammern. „Da waren ursprünglich die Toiletten drin“, erinnert sich Wolff. In der Upkammer auf seiner Etage richtete sich Wolff einen Probenraum ein.

Mit den Nachbarn gab es keine Probleme. „Das lag an der Lage der Upkammer zwischen Altbau und weißem Vorbau des Kurhauses. Wir hatten unser Fenster ganz in der Nähe zur Maria-Büste. Den damals kleinsten Probenraum der Stadt haben wir zu Fünft genutzt. Mit Schlagzeug.“ Von Vorteil war sicher, dass auch Dorothee Marx im Kurhaus wohnte. „Sie hatte dort ihr Trommelstudio.“ Auch die Kurhaus-Erbin Dr. Pavenstädt-Lackmann wohnte damals im Gebäude. „Sie stand unserer Rockmusik ganz offen gegenüber, war buddhistisch orientiert und hat sich immer gern unterhalten.“ Verschlossen war nur das Brückengebäude über die Angel – wegen Baufälligkeit.

Bei der Live-Premiere im Herbst 2009 in der „Kiepe“ spielte die Band mit Karsten Wolff voran (als „Sergeant. K.“ in hippiesk verzierter Uniformjacke) „weniger Bekanntes von den Stones; das Programm umfasste auch Retro-Titel von Flower-Power bis Beat. Und das kam gut an“, schrieb der Journalist Andreas Hasenkamp.

„Wir wollen das Feeling von damals in die heutige Zeit rüberbringen“ brachte es Sänger Hansi Meier einmal das musikalische Konzept von „The Rosinenbomber“ auf den Punkt. Die CD „The Sky is no limit“ von 2013 ist mittlerweile ein begehrtes Sammlerstück. Als letzte Band produzierte „The Rosinenbomber“ im April 2017 für ihre DVD „Mad World Movie“ im legendären Can-Studio.

Auch den alten Kurpark befreiten die musikalischen Bewohner des Kurhauses aus dem Dornröschchenschlaf. Regelmäßig probten „The Rosinenbomber“ im Pavillon, jammten freudig mit anderen Künstlern, wie zum Beispiel Straßenmusiker Onkel Willy. „Genauso wie unsere Retro-Rock-Musik mittlerweile ein Publikum aus drei Generationen anzieht, so war unser Kurpark-Garten gut besucht, von Fans, Freunden und Verwandten bis hin zu kleinen Kindern. „Für alle war es ein Paradies“.

Und wie reagierten die Nachbarn auf die zahlreichen Jam-Sessions und öffentlichen Konzerte samt nächtlicher Goa-Party im Kurpark? „Sehr gut, es kam Applaus über die Angel herüber, man hat gemeinsam gegrillt.“

Der Orkan Kyrill hatte 2007 eine kleine Lichtung in den Kurpark geschlagen. „Die habe ich dann für unsere Events eingerichtet.“ Karsten Wolff hing auch ein blaues Tarnnetz auf: „Blau ist für mich das Symbol für einen offenen Himmel ohne Grenzen.“ Seine Farbkonzepte führte er im Kurhaus fort.

Auch rockige Youtube-Musikvideos von „The Rosinenbomber“ wurden dort gedreht, wo früher Kurgäste zwischen Cricketplätzen und Springbrunnen elegant flaniert hatten – der Kurpark als Inspirationsquelle schlechthin. „Die hohe Lindenallee des Kurparks war wie eine Kathedrale, die Angel floss sanft, ein magischer Ort, eine fast heilige Stimmung, die wir immer respektiert haben, in dem wir nie mit großer Lautstärke gespielt haben.“

Dieser moderat runtergefahrene Sound wurde auch zum einem Live-Markenzeichen von „The Rosinenbomber“: „In der Metro-Rockbar sagte man uns, man habe noch nie eine Band dort gehabt, die so leise spielt.“

Als „The Rosinenbomber“-Gründer Karsten Wolff Ende 2018 das Kurhaus wegen des Abrisses verlassen musste, war es für ihn „ein großer Donnerschlag und „Heimatverlust“, aber auch irgendwie nachvollziehbar. „Das alte Kurhaus zerfiel zusehens“, bericht er. „Du konntest oben sehen, wie vom Gebäude allmählich immer mehr abfiel. Richtung der Angel konntest du eine Kugel auf dem Boden der Zimmer rollen lassen.“

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