Aus der Heimatchronik von Heinrich Schmeken
Als die Revolution nach Wolbeck kam

Münster-Wolbeck -

Nicht nur in Frankreich tobte die Revolution. Auch Wolbeck hatte seinen „Robespierre“. In Person des Schreinermeisters Lammerding wütete dieser im Tiergarten, trank zuviel und bedrohte den Richter.

Samstag, 21.11.2020, 17:46 Uhr aktualisiert: 21.11.2020, 17:50 Uhr
In diesem Haus an der Marktstraße 42 lebten einst die Eheleute Lammerding. Später war es das Zuhause des Urgroßvaters von Heinrich Gallenkämper. Letzterer stellte das Foto zur Verfügung. Das Haus wurde inzwischen abgerissen.
In diesem Haus an der Marktstraße 42 lebten einst die Eheleute Lammerding. Später war es das Zuhause des Urgroßvaters von Heinrich Gallenkämper. Letzterer stellte das Foto zur Verfügung. Das Haus wurde inzwischen abgerissen. Foto: privat

Das jedenfalls berichtet Heinrich Schmeken in seiner „Geschichte Wolbecks“. Das Werk wurde vom Heimatverein bearbeitet und neu herausgegeben. Unsere Zeitung stellt in lockerer Folge einige Kapitel vor. Heute die „24. Veröffentlichung“, in der es um die „Französische Revolution in Wolbeck“ geht.

Diese kam zunächst schleppend in Gang. Denn: „Die gebildeten Westfalen waren von Naur aus nicht revolutionär eingestellt“, konstatiert Schmeken. Sie seien vielmehr „sehr konservativ eingestellt“ gewesen und hätten „mit der Kirche in enger Verbindung“ gestanden. Viele französische Emigranten, darunter Priester und Adlige, hätten in Westfalen sogar „gastliche Aufnahme“ gefunden.

Dann jedoch verbreiteten französische Handwerksgesellen auf ihren Wanderschaften die Ereignisse der Revolution auch in Westfalen. Die Lehre von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ hätten dann einige Wolbecker „sehr leicht begriffen“, berichtet Schmeken weiter. „Vor allem, dass insbesondere das Staatseigentum eigentlich auch Eigentum des Volkes sei.“

„In Wolbeck wurde diese Entwicklung vor allem durch ihren Anführer, Schreinermeister Lammerding aus dem Hook (Gartenstraße) zum Höhepunkt gebracht“, so Schmeken. Er und die anderen Wolbecker Revolutionäre tranken, sangen und tanzten um Freiheitsbäume, heißt es weiter. „In Schenkwirtschaften versammelten sie sich und sprachen öffentlich über die französische Lehre.“

Die Zahl der Gleichgesinnten sei ständig angewachsen, schreibt Schmeken. Eines Tages rückten sie dann „ausgerüstet mit Äxten, Beilen und Sägen“ auf den Tiergarten zu und fällten dort „soviel Holz, wie sie nur transportieren konnten“.

Als daraufhin der Anführer „Robespierre-Lammerding“ vom Richter zum Rathaus vorgeladen wurde, erschien dieser mit vielen Begleitern, unter ihnen auch Lammerdings aufgeregte Ehefrau „aus dem Geschlecht des Schmieds Brandhof“. Die Versammelten „redeten und tranken zu viel“, so Schmeken. Dann seien sie in das Rathaus eingedrungen, und zwar „unter Gebrüll und Gesang, bewaffnet mit Knüppeln, Hirschfängern und Beilen“.

Drinnen trat Lammerding vor den Richter und verlangte „für sich und seine Kindeskinder“ das verbürgte Recht, so viel Holz im Tiergarten zu fällen und sich so viel Plaggen und Sand zu holen, wie er wolle und brauche. Als der Richter sich weigerte, ein entsprechendes Schriftstück auszustellen, „brüllte Lammerding wie ein Löwe und schlug mit der Faust auf den Richtertisch, dass das Tintenfass in die Höhe sprang“, berichtet Schmeken. Mit dem anschließend unter Druck ausgestellten Dokument in der Hand liefen der Schreiner und seine aufgebrachten Begleiter auf die Marktstraße (heute Neustraße), wo sie von der Volksmenge mit „Vivat Lammerding, vivat Robespierre“ empfangen wurden.

Doch der Sieg währte nicht lange. Zwar lief der erste Versuch, Lammerding und seine Kumpane zu verhaften, ins Leere, da auch die nach Wolbeck geschickten Soldaten dem Alkohol zugesprochen hatten und so ihrer Aufgabe nicht nachkommen konnten. Wenige Tage später jedoch gelang es einem „Kommando Gardedragoner“, die Wolbecker Revolutionäre zu verhaften und nach Münster zu bringen, wo ihnen der Prozess gemacht wurde. Schreiner Lammerding wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Weitere Mitangeklagte kamen mit einem Jahr oder einigen Monaten davon.

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