„Todtenhof am Steinthor“: der alte Wolbecker Friedhof kann viele Geschichten erzählen
Fassdeckel und Spinnrad erinnern

Münster-Wolbeck -

Die teilweise gut erhaltenen Grabmäler auf dem alten Friedhof am Steintor sind wichtige Zeitzeugen des alten Wolbeck. Vor dem Hintergrund, dass der benachbarte Park des Drostenhofs für die Öffentlichkeit gesperrt werden soll, könnte er eine Aufwertung erfahren. Doch schon jetzt lohnt sich ein Besuch.

Sonntag, 03.01.2021, 09:30 Uhr
Berufsbezeichnungen in textlicher und opulenter symbolischer Form gab es früher häufig
Berufsbezeichnungen in textlicher und opulenter symbolischer Form gab es früher häufig Foto: pesa

Das gusseiserne Tor steht tagsüber weit offen. Dennoch finden nur wenige Menschen den Weg auf den alten verwunschenen Friedhof am Steintor. Im Schatten des Drostenhofs findet man öfters Hasen oder Eichhörnchen..

Dabei sind die teilweise gut erhaltenen Grabmäler wichtige Zeitzeugen des alten Wolbeck. Und es reifen Pläne seitens der Politik, den alten Friedhof als öffentliche Parkfläche aufzuwerten (wir berichteten). Vor dem Hintergrund, dass Benedikt Graf von Merveldt zum 31. März den benachbarten Park des Drostenhofs für die Öffentlichkeit schließen will, regte Bezirksbürgermeister Peter Bensmann dies jüngst an: „In der Innenstadt gibt es gute Beispiele, wie nachhaltig Friedhöfe zu Begegnungsorten werden können, siehe Hörster Friedhof.“

Ob und wie auch der alte Friedhof am Steintor schließlich aufgewertet werden kann, wird die Zukunft zeigen. Grund genug dem Kleinod schon jetzt einen Besuch abzustatten.

Die Anlage des alten Friedhofs im Süden des Drostenhofes geht zurück auf den Paragrafen 184 des Allgemeinen Preußischen Landrechts. Dieser besagt, dass „in den Kirchen und in bewohnten Gegenden der Städte (. . .) keine Leichen beerdigt werden sollen“. Das hatte vor allem hygienische Gründe. So wurde 1858 der Kirchplatz St. Nikolaus als Begräbnisstätte verboten. An die Stelle des alten „Kirchhofs“ direkt neben St. Nikolaus wurde noch im gleichen Jahr der „Todtenhof am Steinthor“ errichtet.

Der alte Wolbecker Friedhof am Steintor war bis Anfang der Achtziger Jahre im Besitz der Katholischen Pfarrgemeinde St. Nikolaus zu Wolbeck. Die letzte Beerdigung auf dem alten Friedhof fand laut der LWL-Geodaten-Kultur 1957 statt. 1982 wurde laut Grabinschrift der letzte Wolbecker hier beerdigt. Bereits 1980 übernahm die Stadt Münster den alten Friedhof und wandelte ihn in einen kleinen Park mit Sitzbänken und einem Fußweg um.

Die meisten Grabsteine weisen symbolisch oder namentlich auf die Berufe der Verstorbenen hin, zum Beispiel die besonders verzierte Grabstätte des Landwirts Bernhard Gerbert. Ein wahres Kunstwerk, an dem allerdings sehr die Zeit nagt. Auf der Tafel über dem Grab ziehen zwei Pferde einen Pflug. Ein Spinnrad und ein leerer Stuhl auf der gleichen Tafel könnten den tiefen Schmerz des Witwers versinnbildlichen. Seine Frau starb vier Jahre vor ihm.

Deutlicher ist die Zuordnung am Grab von „Küfermeister Anton Schulz“. Ein fein verzierter Fassdeckel weist auf sein Handwerk hin. So fungieren die Grabsteine wie Holz oder Stein gewordene Todesanzeigen, denn die gab es vor 120 Jahren nur vereinzelt.

Auch eine frühe Form der Frauenemanzipation findet sich auf dem alten Wolbecker Friedhof wieder. Da sich bis zu Beginn der sozialen Frauenbewegung Anfang des 20.Jahrhunderts Ehefrauen gerade im ländlichen Raum lange über den Beruf ihrer Männer definierten steht auf einem Grabstein von 1902 in der Reihenfolge der damals standesgemäßen Prioritäten: „Frau Witwe Apotheker Eduard Cortain, Theresia geb. Rugge“.

Mit vollständigem eigenständigem Namen wird dagegen an Maria Grasser erinnert, die 1930 verstorbene Frau eines Wolbecker Hauptlehrer. Ein prunkvolles Muttergottes-Bild eint sie in der Grabstätte mit ihrem Mann.

Andere Grabsteine sind mit christlichen Symbolen verziert. Ein besonderer Grabstein symbolisiert die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die als Autoren der vier biblischen Evangelien gelten. Sie werden in der christlichen Ikonographie seit dem 4. Jahrhundert durch vier geflügelte Symbole dargestellt, die sich auch auf dem alten Friedhof finden: Johannes als Adler, Lukas als Stier, Markus als Löwe und Matthäus als Mensch mit Flügeln (also als Engel).

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7747470?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F132%2F144%2F
Nachrichten-Ticker