Münsterland
Kriminalität: „Jugend ist nicht schlechter als früher“

Donnerstag, 24.01.2008, 18:01 Uhr

Münster / Bielefeld - „Die Erinnerung trügt, die Jugend heute ist keineswegs schlechter als die Generation ihrer Eltern.“ Kategorisch ist diese Einschätzung von Rainer Dollase , Professor für Psychologie an der Universität Bielefeld , der sich intensiv mit Gewalt- und Kriminalität befasst hat. Die Diskussion über die Jugendkriminalität und härtere Strafen sieht er deshalb auch sehr kritisch, verweist vielmehr auf die Statistik: „Es gibt keine Zunahme.“ Selbst bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sänken inzwischen die Zahlen.

Die Frage nach den Konsequenzen sollten die Politiker erst einmal den Experten stellen, bevor sie selbst voreilige Rezepte präsentierten, rügt Dollase ganz pointiert: „Es gibt ja auch keine CDU-Position zur Entfernung des Blinddarms . . .“

Ihn hat die Veröffentlichung des Überwachungsvideos überrascht, nicht aber dessen Inhalt: „So etwas passiert täglich.“ Das Video habe das Problem aber nun unzähligen Menschen, die im Alltag nicht damit konfrontiert würden, vor Augen geführt: „Dass das schockt, ist klar.“ In der bisherigen Diskussion herrsche ein „vergröbernder Blick“ auf die Entwicklung, dabei zeigten Studien, dass Jugendkriminalität ein komplexes Problem sei und viele Stellschrauben bewegt werden müssten, um etwas zu ändern.

Die wichtigste Stellschraube müsste bei den Familien mit Migrationshintergrund ansetzen, „und hier vor allem jene aus dem Vorderen Orient". In diesen Familien würden die Kinder „häufiger als andere zu Hause verprügelt, sie sind zudem leichter provozierbar“. Den Jugendlichen müsste man vermitteln, dass sie „nicht wegen eines Anremplers den großen Krieg anfangen“.

Aus übertriebener „political correctness“ und weil man der Fremdenfeindlichkeit keinen Vorschub leisten wolle, werde dieses Problem aber zu wenig thematisiert. Die Integration dieser Familien dürfe aber nicht nur über Institutionen laufen, auf diese Familien müsse jeder zugehen: „Befreundet euch mal“, fordert Dollase seine Studenten oft auf, wenn über Integration debattiert wird. „Integration müssen wir alle viel aktiver betreiben – sie geht jeden etwas an“, betont er.

Die zweite entscheidende Stellschraube ist für ihn die „Desensibilisierung“ auch für deutsche Jugendliche. Ihre Frustschwelle soll dadurch erhöht, ihre Gewaltbereitschaft gesenkt werden. In den Schulen müsse dafür ein „Frühwarnsystem“ etabliert werden, aber: „Im EU-Vergleich sind wir bei der Ausstattung mit Schulpsychologen am unteren Ende der Skala“, moniert er. In den Kindergärten und Schulen wünscht er sich sowohl einen „herzlicheren Umgang“ miteinander als auch klare Regeln mit klaren Konsequenzen.

Apropos Regeln: Prügeleien gab es schon immer, konstatiert er. „Doch die Regeln haben sich offensichtlich verändert – dass da zwei junge Männer einen 76-Jährigen überfallen, das wäre früher Feigheit gewesen.“

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