Münsterland
Vom Rand in die Mitte: Grenzregion Euregio wird 50

Mittwoch, 02.01.2008, 19:01 Uhr

Gronau / Rheine - Königin Beatrix der Niederlande wurde es zu bunt, als die Geschäftsstelle der Euregio in Gronau nach jahrelangem Hin und Her noch immer kein Telefon mit niederländischer Vorwahl hatte. Das deutsche Postgesetz verhinderte in den 1970er Jahren, dass Arbeiter eine Leitung zum nur 75 Meter von der Grenze entfernten Büro legten – es gab nur eine deutsche Nummer. Nachdem die Königin sich eingeschaltet hatte, wurde das Problem durch einen Staatsvertrag gelöst. Seit Ende der 1990er Jahre rufen Niederländer zum Inlandstarif bei der Euregio an.

Dass die Grenze kein Hindernis sein soll für Menschen und Wirtschaft, ist der Grundsatz der von 130 Städten, Gemeinden und Kreisen aus den Niederlanden sowie aus den Bundesländern Niedersachsen und NRW getragenen Euregio. Ihr Ursprung liegt ein halbes Jahrhundert zurück. Das macht sie zur ältesten grenzübergreifenden Organisation in Europa auf regionaler Ebene. 1958 begannen Kommunalpolitiker aus beiden Ländern, sich zu treffen. Ihre Schwächen brachten die Regionen zusammen: Randlage, fehlende Straßen, Arbeitsplatzverluste in der Baumwollindustrie. Lange Kontrollen durch Zoll und Grenzschutz waren normal.

50 Jahre später ist der Wandel vollkommen. Nun gibt es freien Warenverkehr, eine Währung. Etwa 28 000 Menschen gehen auf der je anderen Seite der Grenze zur Arbeit. Rund 24 000 Niederländer sind, von den Häuserpreisen angelockt, nach Deutschland umgezogen. Mit einer Mitgliederversammlung in Rheine am 25. Januar wird das Jubiläumsjahr eingeläutet. Es ist üblich, dass jeder in seiner Muttersprache spricht. „Diese Art der Verständigung funktioniert“, sagt Euregio-Sprecher Christoph Bönig.

Viele Europa-Regionen tragen inzwischen den Namen „Euregio“, erfunden wurde der Begriff von einer Vorläuferorganisation, der Interessengemeinschaft Rhein-Ems. Seit 1965 ist der Name in Gebrauch. Die Beratung von Arbeitnehmern, Studenten und Rentnern ist Alltag bei der Euregio, die 35 Mitarbeiter hat. Berater Rob Meijer berichtet, dass Grenzpendler ein Lied von den Hürden singen können. Sie müssen mit zwei verschiedenen Systemen von Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung umgehen. „Es stellt sich die Frage, ob Frau und Kinder mit krankenversichert sind, ob man Kindergeld bekommt“. Zudem sei das Thema Rente wichtig.

Brüssel entdeckte die Grenzregionen spät: 1990 kam das erste Interreg-Programm für die Gebiete an den Rändern. 2008 beginnt eine neue Periode, die den vier deutsch-niederländischen Grenzregionen 138,7 Millionen Euro Fördermittel bringt. Bei der Verteilung stimmen sich die Geldgeber – die Europäische Kommission sowie die Wirtschaftsministerien der Niederlande, der beteiligten Bundesländer und niederländischen Provinzen – ab. Dies geschieht für die Gronauer Euregio im Interreg-Lenkungsausschuss.

Eine „Grenzlandverträglichkeitsprüfung“ fordert Meijer für nationale Gesetze. Denn was landesweit sinnvoll ist, kann an der Grenze zum Problem werden. Etwa, als in den Niederlanden nur noch dort ausgebildete Ärzte tätig sein sollten. Deshalb durfte der in Rheine stationierte Rettungshubschrauber nicht im Nachbarland landen. Der Einsatz bei der Feuerwerkskatastrophe in Enschede brachte zutage, dass bei der Feuerwehr hüben und drüben weder Funk noch Schläuche zusammenpassten. Inzwischen gibt es ein Buch mit Übersetzungen für Rettungskräfte.

Von Königin Beatrix’ höchsteigenem Zuspruch zeugt eine bronzene Büste. Sie zeigt den Kopf eines der ersten Förderer, Alfred Mozer. Erschaffen hat das Porträt die Königin selbst – ein Geschenk zur Einweihung der Euregio-Geschäftsstelle im Jahr 1985.

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