Münsterland
Gebrochenes Sammlerherz: Medaillensammlung gestohlen

Freitag, 15.02.2008, 22:02 Uhr

Münster - Karl Wellenbrock kann gar nicht sagen, was sein Herz mehr gebrochen hat. Dass fremde Menschen den persönlichsten Bereich von ihm und seiner Schwester durchwühlt haben. Dass sie auf der Suche nach Beute ihre Wäsche aus dem Schrank gerissen haben. Dass seine Schwester Angst hat, wenn Besuch kommt.

Oder dass eine Bande von Einbrechern seine einzigartige Augusta-Sammlung gestohlen hat. Medaillen, die Augusta, die Frau von Kaiser Wilhelm I., für alle Paare prägen ließ, die den Freimaurerlogen angehörten und die ihre Silberhochzeit feierten. So wurde jede dieser Medaillen ein Unikat. Und genau die haben es dem Münsteraner angetan.

Als die Diebe kamen, lagen fast 600 solcher Stücke in seinem Haus. Seine Händler wussten, worauf es der 82-Jährige abgesehen hatte. Sobald ihnen eine solche Medaille angeboten wurde, kauften sie, um sie Wellenbrock anzubieten. Sie wussten, dass der ehemalige Bankkaufmann der WestLB sie ihnen abnahm. Wellenbrocks sammlerisches Lebenswerk liegt nun in Trümmern. Am 23. Januar, einem Mittwoch, waren der ledige Pensionär und seine Schwester mit einem Taxi zu einer Einladung gefahren. Als sie zurückkehrten, war die Haustür angelehnt. Da wusste der vorsichtige Mann, was los war.

Die Einbrecher hatten vermutlich keine Ahnung, auf welchen Schatz sie stoßen würden. Vielleicht suchten sie nur ein bisschen Schmuck und Bargeld. Dass sie auf die weltweit größte Sammlung von einzigartigen Silbermedaillen stießen, ist ihnen womöglich völlig egal. Als sie die Alben entdeckten, räumten sie erst mal Koffer der beiden Senioren aus, damit sie ihre Beute überhaupt wegschleppten konnten. Auch Goldmünzen und 12.000 Geldscheine packten sie ein. Wellenbrock hortete neben den Medaillen auch „Weltbanknoten“ – also ein ganzes Set vom kleinsten bis zum größten Schein eines Landes. Das allein reichte ihm aber nicht: Sobald sich ein Datum oder eine Unterschrift auf einer der Noten änderte, kaufte er wieder nach. So besaß er allein aus Ägypten 300 Geldscheine, aus der Schweiz waren es 150. Der Wert der Augusta-Medaillen ist nicht nur ideell. Wie viele es davon gibt, ist nicht bekannt. Im Internet wird eine solche Medaille zurzeit für 145 Euro angeboten. Und für seine Exemplare hat der Münsteraner 150.000 Euro bezahlt.

Zurück ließen die Eindringlinge einen verzweifelten Sammler – der nicht versichert ist. „Die Auflagen der Versicherung wären viel zu hoch gewesen“, begründet er. In einen Banktresor hat er seine Alben nicht gebracht, weil er so nicht „seine Freude an ihnen hätte haben können“. Nun hofft er, dass die Polizei die Einbrecher erwischt und die Sammlung wiederfindet. Zweitbeste Lösung: Sie landet in den Händen der russischen Mafia, die den Markt zurzeit beherrsche, aber die Beute nicht zerstöre. Für ihn fürchterlich wäre, wenn die Einbrecher die Silbermedaillen einschmelzen würden, um aus dem Silber ein paar jämmerliche Euro zu machen. Zurzeit liegt der Preis für ein Gramm bei 37 Cent. Eine Augusta-Medaille wiegt vier Gramm.

Der Senior weigert sich, darüber nachzudenken. „Ich komme nicht zur Ruhe“, sagt er. Er ist streng genug mit sich, um seine Verzweiflung zu verbergen. Und er wartet – hofft, dass die Belohnung von 10.000 Euro, die er mit den Ermittlern ausgesetzt hat, zu einer Spur führt. Schon jetzt weiß er, dass er so nicht mehr weitersammeln wird. Vielleicht schaut er nach Geldnoten aus ein paar ausgewählten Ländern. Bis dahin versucht er, sich zu trösten: „Irgendwann hätte ich sie sowieso abgeben müssen. Am Ende kann keiner etwas mitnehmen“, sagt er – und schüttelt still seinen müden Kopf.

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