Münsterland
Der Steuermann: Chef des Finanzgerichts geht in Ruhestand

Donnerstag, 28.08.2008, 19:08 Uhr

Münster - Das ist die Höchststrafe für einen Sachbearbeiter im Finanzamt: die Akte mit der Steuererklärung von Professor Dr. Torsten Ehmcke . Der kennt das Steuerrecht so gut wie sonst kaum jemand. Sieben Jahre war er der Präsident des Finanzgerichts Münster, nebenbei hält er als Honorarprofessor Vorlesungen im Unternehmenssteuerrecht an der Uni Münster, prüft Studenten und schreibt Kommentare über das Steuerrecht.

Das hielt einen Sachbearbeiter nicht davon ab, Zweifel an Ehmckes Steuererklärung zu wagen. „Die stimmte dann aber doch“, sagt Ehmcke lachend. Der 65-Jährige schätzt solche Einwände. „Steuerrecht ist so kompliziert, da sind Fragen ganz normal“, sagt er. Trotzdem – oder gerade deswegen – hat er nie bereut, sich für den Beruf des Finanzrichters entschieden zu haben. Am 10. September wird er offiziell in den Ruhestand verabschiedet und von Johannes Haferkamp abgelöst.

Ehmcke war 27 Jahre Richter – und hat noch nie jemanden hinter Gitter gebracht. Er erweckt glaubhaft den Eindruck, seinen Beruf als großes Glück empfunden zu haben. „Ich finde das Steuerrecht spannend“, sagt er. „Es geht in sämtliche Lebensbereiche hinein und ist sehr wechselhaft.“ Um die immer kniffligeren Fragen noch beantworten zu können und den Steuerberatern und Vertretern der Finanzämter „immer eine Nase voraus zu sein“, müssten die Richter immer auf dem aktuellsten Stand bleiben. Eine für ihn reizvolle Herausforderung.

Beim Finanzgericht ist der Angeklagte fast immer der gleiche – das Finanzamt. Zu einem bissigen Streit kommt es dabei selten. Die Richter sehen sich als Moderatoren, die helfen, Fragen zu beantworten statt Urteile zu fällen. 3383 der 4779 Klagen (70,73 Prozent) gingen 2007 ohne Urteil zu Ende, betont Ehmcke gerne. Wenn bei einer Betriebsprüfung etwa nicht klar ist, was das Steuerrecht zulässt und was nicht, dann ist der Richter eher Sachverständiger, der herausfindet, „auf welche Nuancen es eigentlich ankommt. Wir sind eine hoch spezialisierte Mannschaft“, sagt Ehmcke über die 54 Richter an dem Gericht.

Dabei sind die Richter oft die ersten, die Mängel an einem neuen Steuergesetz feststellen. „Das ist eine unserer Aufgaben – und die nehmen wir auch wahr“, sagt der ehemalige Präsident. Kritisch äußert sich der Münsteraner über die, die die Steuergesetze schaffen: „Wir haben einen hyperaktiven Gesetzgeber im Steuerrecht“, sagt der Jurist. „Wenn die Politik etwas fördern möchte, wird das oft über die Steuern geregelt.“ Etwa steuerliche Vorteile für die, die ein denkmalgeschütztes Haus sanieren. Warum jemand dafür Steuervorteile bekommt und nicht einfach einen Zuschuss aus einem Denkmaltopf, ist Ehmcke schleierhaft.

Das Steuerrecht ist das einzige Recht, für das die Deutschen einen Berater brauchen. Gäbe es den auch fürs Verkehrsrecht, müsste beim Autofahren immer ein Verkehrsberater nebenan sitzen, der sagt, ob man über die Kreuzung fahren darf oder nicht. Angesichts einer komplizierten Welt ist auch ein kompliziertes Steuerrecht logisch. Aber: „Zwischen der Steuererklärung auf dem Bierdeckel und dem jetzigen System müsste es doch einen Weg geben,“ sagt Ehmcke.

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