Münsterland
Rainer Albertz: Ein Leben im Schatten der RAF

Altenberge . Dr. Rainer Albertz hat die vergangenen Tage schlecht geschlafen. Zu viele Erinnerungen sind wieder wach geworden. Kurz vor dem Start des Films „Der Baader-Meinhof-Komplex“ hat der 65-Jährige aus Altenberge viel an seinen Vater Heinrich...

Freitag, 19.09.2008, 18:09 Uhr

Altenberge - Dr. Rainer Albertz hat die vergangenen Tage schlecht geschlafen. Zu viele Erinnerungen sind wieder wach geworden. Kurz vor dem Start des Films „Der Baader-Meinhof-Komplex“ hat der 65-Jährige aus Altenberge viel an seinen Vater Heinrich gedacht. Der war am 2. Juni 1967 Regierender Bürgermeister von Berlin und saß mit dem Schah von Persien in der Oper, als davor Benno Ohnesorg erschossen wurde. Und damit beginnt der Film von Bernd Eichinger, der am Donnerstag in den Kinos anläuft.

Albertz wird ihn sich nicht ansehen. „Vielleicht später mal im Fernsehen“, sagt der emeritierte Professor für Alttestamentliche Exegese. Denn mit dem Tod Ohnesorgs hat sich das Leben der Familie verändert. Der Sozialdemokrat und enge Vertraute Willy Brandts trat im September 1967 zurück und nahm seinen Beruf als evangelischer Pfarrer wieder auf. „Das war eine indirekte Folge der Vorkommnisse des 2. Juni“, weiß Sohn Rainer: „Er hat sich Ohnesorg sehr zu Herzen genommen.“

Rainer Albertz studierte damals in Heidelberg. Sein Vater hatte ihn dorthin geschickt, weil der Sohn sich einer Gruppe angeschlossen hatte, die Tunnel nach Ostberlin grub. Die Folgen der Schüsse auf Ohnesorg waren bis nach Heidelberg zu spüren. Ein Plakat in der Uni mit der Aufschrift „Albertz – Mörder“ ließ den Sohn schlucken. „Ich habe es damals abhängen lassen.“

Drei Jahre später befreite Ulrike Meinhof Andreas Baader aus dem Gefängnis und tauchte in den Untergrund ab. „Ich habe mit meiner Frau überlegt, was wir tun, wenn sie vor der Tür steht“, erzählt der 65-Jährige – und erwähnt beiläufig, dass die Mutter seines Vaters eine geborene Meinhof sei. Albertz: „Über viele Ecken sind wir mit Ulrike Meinhof verwandt.“

Der Tag, an dem alles anfing, sollte die Familie Albertz nicht verlassen. Genau gesagt am 27. Februar 1975 kehrte er zurück. Das Kommando „2. Juni“ entführte den Berliner CDU-Chef Peter Lorenz. Die Entführer verlangten die Freilassung und Ausreise der sechs inhaftierten Gesinnungsgenossen Horst Mahler, Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Ingrid Siepmann, Rolf Heißler und Rolf Pohle in ein Land ihrer Wahl. Und sie verlangten nach Pfarrer Heinrich Albertz, der die freigepressten Gefangenen auf dem Flug begleiten sollte. Albertz rief seinen Sohn an, er möge sofort nach Berlin kommen. „Mein Vater war sehr konservativ. Er wollte, dass ein Mann im Haus ist und meine Mutter tröstet.“

Es ging alles gut, es war die einzige Entführung in der Bundesrepublik, in der der Staat einem Austausch zustimmte. „Es hat ihm aber seine Gesundheit gekostet. Durch einen Unfall war er schon vorher gehbehindert“, erzählt der 65-Jährige. Die Märsche im Frankfurter Flughafen, um mit den Gefangenen zu reden, der Flug, die Landung der Boeing 707 im Sand neben der gesperrten Piste im Südjemen, die Verhandlungen, das Warten auf die Freilassung von Peter Lorenz – sie begleiteten Albertz ständig. „Vor seinem Tod hat er in seinen Albträumen die ganze Entführung noch einmal durchlebt“, sagt sein Sohn. Auch sonst hat es ihn immer wieder beschäftigt. Als Albertz in einem Altersheim in Bremen lebte, besuchte er die RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock und Gabriele Kröcher-Tiedemann im Gefängnis. Albertz: „Mit Kröcher-Tiedemann hatte er ein sehr gutes Verhältnis. Sie kam sogar 1993 zu seiner Beerdigung. Er hat versucht, sie zur Menschlichkeit zurückzuführen.“

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