Münsterland
Gehirntumore sichtbar machen: Neurochirurg entwickelte Methode

Freitag, 13.11.2009, 18:11 Uhr

Münster - Prof. Walter Stummer schaltet zwischen Blau-Licht und normalem hin und her, deutet auf das Loch in der Schädeldecke seines Patienten und wendet sich an die Kollegen im Operationssaal: „Sehen Sie´s?“ Das, was sich da ändert bei unterschiedlicher Wellenlänge, ist frappierend. Sieht der Tumor im rechten Schläfenlappen unter normalem Licht kaum anders aus als das ihn umgebende gesunde Gewebe, leuchtet er unter Blau-Licht rot.

Das Problem bei hirneigenen Tumoren - wie dem heute operierten - ist: Sie sind stark ins Hirngewebe eingewachsen und als solche schwer als Tumor zu erkennen. Bislang hatten Mediziner deswegen Probleme, wirklich alle Zellen der Wucherung zu entfernen. Seit 2008 nun ist ein neues Verfahren zugelassen, bei dem der Patient drei Stunden vor dem Eingriff einen körpereigenen Stoff schluckt, eine Vorstufe des Blutfarbstoffs Hämoglobin, der den Tumor, nicht aber gesundes Gewebe einfärbt: die sogenannte fluoreszenz-gestützte Resektion. Woran das liegt? „An der speziellen Stoffwechsel-Leistung von Tumoren“, erläutert Stummer, der sich selbst nicht ganz ohne Stolz als den „Vater des Verfahrens“ bezeichnet.

Heute operiert der neue ärztliche Direktor der Neurochirurgie am Universitätsklinikum einen 43-jährigen Patienten mit dem neuen Verfahren, einen der ersten in Münster überhaupt. Aus den Bildern von Kernspin- und Computertomographie schließt der Mediziner, der jüngst erst aus Düsseldorf ins Münsterland kam, dass es sich bei dem drei mal vier Zentimeter großen Tumor um ein sogenanntes malignes Gliom handelt. „Genau wissen wir´s aber nicht, da müssen wir erst den Schnellschnitt abwarten.“ Sprich, nachdem Oberarzt Dr. Bernhard Fischer die Schädeldecke mit einem Fünf-Mark­Stück großen Loch geöffnet hat, schneidet Stummer ein kleines Stück aus dem Tumor heraus und schickt es zur Untersuchung. 20 Minuten später steht fest: Der Tumor ist mit großer Sicherheit tatsächlich ein malignes Gliom. Erst jetzt entfernt Stummer sämtliches Gewebe, das rot gefärbt ist, zertrümmert es erst und saugt es dann weg. Ein kleines Stück davon bleibt an der Spit­ ze eines seiner Instrumente kleben, begeistert hebt er es näher ins Blaulicht hinein, „sehen Sie mal, das leuchtet wie Weihnachten“. Zwar ist bei hirneigenen Tumoren sicher, dass sie nachwachsen werden. Wie schnell jedoch, hängt davon ab, wie viele Tumorzellen der Chirurg übersieht - was bisher nicht zu vermeiden war. Stummers neue Methode indes schenkt Patienten wertvolle Lebenszeit.

Fasziniert verfolgt Dr. Angela Brentrup die Prozedur, bereitwillig lässt Stummer sie einen Blick durch das hochauflösende Operationsmikros­ kop werfen. Die Ärztin ist Leiterin der Kinderneurologie am Uniklinikum, gemeinsam mit den Kinderonkologen wird sie nun überlegen, inwieweit das Verfahren auf Kinder übertragbar ist. „Wir müssen das prüfen“, sagt sie bedächtig, doch dann leuchten ihre Augen über dem grünen Mundschutz. „Wenn das geht, dann wäre das mehr als klasse.“

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