Münsterland
Verkehrte Welt

Freitag, 06.08.2010, 18:08 Uhr

Münster - Gegenwind ist super. Rückenwind nicht. Wo ist vorne? Wo ist hinten? Das Ziel ist der Start. Wer mit Achim Aretz läuft, der joggt durch eine verkehrte Welt, eine Welt voller Vorwärtsfußgänger, Vorwärtsradfahrer und Vorwärtshunde . Achim Aretz rennt rückwärts - und zwar so schnell, dass er morgen mit ziemlicher Sicherheit Weltmeister werden wird. In Kapfenberg in Österreich tritt der Geologie-Student aus Münster im Zehnkilometerlauf an. Rückwärts.

Aber er will auch noch den Weltrekord. Den hält seit 1990 der Franzose Yves Pol mit 42:00 Minuten. Das ist zwar gute eineinhalb Minuten schneller als Aretz´ bisherige Bestzeit, aber der 26-Jährige ist trotzdem zuversichtlich. Über die Halbmarathon-Distanz von 21 Kilometern ist er rückwärts schon so schnell gelaufen wie kein Mensch vor ihm: 1:40:29 Stunden. Seitdem steht er im Guinnessbuch der Rekorde .

Ins Training hat er immer wieder Tempoläufe eingebaut, bei denen er sechs Mal 1000 Meter in 3:43 Minuten läuft. Das sind rund 16 Stundenkilometer. Da müssen selbst viele Vorwärtsläufer passen. Morgen will er keinen Kilometer langsamer als 4:10 Minuten laufen, also mit einem Schnitt von 14,4 Stundenkilometern, 25 Runden muss er dafür im Stadion drehen.

Rückblende: Angefangen hat es mit einem Kater. Damals war Aretz nach einer Studentenparty mit einem Freund zum Laufen verabredet. Weil dem das Tempo zu lahm war, fing der an, rückwärts zu laufen.

Als sich Aretz von seinem Kater erholt hatte, fing er an, das Rückwärtslaufen in sein Training einzubauen. Dafür gibt es gute Gründe. Unter anderem stärkt es die Waden- und rückwärtige Oberschenkelmuskulatur. „Und die Nackenmuskeln“, sagt Aretz lachend. Schließlich muss er ständig den Kopf um 180 Grad drehen, um Hindernisse rechtzeitig zu sehen.

Roland Wegner, Autor des Buchs „Retrorunning“ behauptet, dass das Rückwärtslaufen die Koordination verbessert und Leistungssportler erstaunlicherweise schneller vorwärts laufen lässt. Zunehmend werde es zur Rehabilitation eingesetzt.

Wer viel läuft, könnte auch noch einen anderen Grund haben, die Richtung zu ändern. Laufen bedeutet Routine: die gleichen Bewegungen, die gleichen Strecken, die gleichen Distanzen. Mit Rückwärtslaufen hat Aretz, der auch vorwärts pfeilschnell ist (33:41 auf zehn Kilometern), den Spieß umgedreht.

Trotzdem hat das Hobby einen Haken. Bei einem Sturz - man könnte auch sagen: Rückfall - ist die Verletzungsgefahr größer. Dann bekommt man die Hände nicht schnell genug nach unten, um sich abzustützen und kann schon mal auf den Kopf fallen. Darum treten bei Wettkämpfen auch einige Teilnehmer mit einem Kopfschutz an.

Ebenfalls unangenehm: Beim Training muss Aretz die Blicke der Vorwärtsjogger ertragen, die er überholt. Die gucken im besten Fall überrascht, manchmal fühlen sie sich auch auf den Arm genommen. Dann weiß Aretz nicht immer, wo er hinsehen soll - und schaut auf den Boden. Dafür hat das Rückwärtslaufen im Wettkampf einen Vorteil: „Dann hat man die Gegner besser im Blick“, sagt Aretz. Und das ist bei dem Versuch, Weltmeister zu werden, durchaus von Vorteil.

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