Pech in Pouce Coupe
Hehemann besorgt um sein Wasser: Vor seinem Haus wird nach Gas gebohrt

Dienstag, 26.04.2011, 18:04 Uhr

Steinfurt / Pouce Coupe - Gottfried Hehemann hat gekämpft. Und Gottfried Hehemann hat verloren. Vor einem Jahr hat sich der gebürtige Borghorster mit den Öl und Gas fördernden Companys angelegt, hat versucht, sich gegen das Fracking vor seiner Haustür zu wehren.

Aber den Kampf von David gegen Goliath hat der Riese gewonnen. Was sollte der heute 62-Jährige auch schon tun? Auf dem Hügel in Pouce Coupe, das übersetzt so viel wie „abgeschnittener Daumen“ heißt, mochten sich gerade mal sieben Nachbarn wehren.

Die anderen verdienten mit den Gasbohren ihr Geld - als Spediteur oder Besitzer einer Kiesgrube, die für den Bau der Straßen zu den Bohrlöchern Dollars witterten.

Hehemann ist sich sicher: „Die sind durch die Bohrungen alle reich geworden.“ Der Borghorster Wortführer des Trüppchens von Widerständlern ist trotzdem überzeugt davon, dass der Widerstand angebracht war.

Die sind durch die Bohrungen alle reich geworden.

Er fürchtet um die Qualität seines Trinkwassers. Seins stammt nicht aus dem Grundwasser. „Bei uns ist das Oberflächenwasser,“ sagt er. Das sammelt sich während der Schneeschmelze knapp unter der Erdoberfläche („Kurz vor Ostern hat es noch 20 Zentimeter geschneit.“).

Er kennt aber auch Fälle, in denen die Gas fördernden Firmen Wasser mit dem Tanklaster 60 Kilometer weit brächten, um Ersatz für verseuchtes Wasser zu liefern.

Der Grund: Bei der Gasförderung, wie sie auch im Münsterland geplant ist, werden unter anderem hochgiftige Chemikalien mit Wasser und Sand in den Boden gepresst, um das Gas aus dem Gestein herauszubrechen.

Kritiker befürchten, dass dabei auch Trinkwasser verschmutzt wird, die Ölfirmen schließen das aus. In den USA wurden einem Kongressbericht zufolge auch krebserregende Chemikalien in die Erde gepumpt. Darum drohen der Gasindustrie nicht nur strengere Regeln - sondern nach einem Bericht des „Handelsblatts“ auch Schadensersatzforderungen.

In einem Abstand von vier, fünf Kilometern hätten die Gas-Companys gebohrt, erzählt Hehemann, der nach einem Besuch in Steinfurt mittlerweile wieder zu Hause in Kanada ist. Auf zehn Lastwagen seien Pumpen zusammengeschaltet worden, um den Druck aufzubauen, mit dem das Wasser in die Erde gepresst wird.

Vorher sei der Mutterboden zur Seite geschoben, später alles wieder aufgeräumt worden - bis auf die Rohre, die jetzt überall aus dem Boden schauen. Hehemann sagt, dass die Ventile geöffnet werden, wenn der Gaspreis oben ist. Dann lohne sich die Förderung.

Ihm bereitet das Unbehagen. Wer weiß, ob das Gas, das unter der Erde aus dem Stein entwichen ist, da bleibt, wo es gerade ist? Oder ob es nicht irgendwie an die Oberfläche geraten ist. Schauermärchen über erstickte Rinder, die durch das Gas gestorben sind, gibt es jedenfalls genug in Pouce Coupe.

Wenn er heute aus seinem Fenster schaut, sieht er zehn bis 20 Flammen, die aus irgendwelchen neuen Bohrlöchern fauchen „so laut wie eine startende Boeing 737“, wie er es sagt. In seiner Nachbarschaft sollen die Gasfirmen schon 2000 Mal nach Gas gebohrt haben, 1200 Bohrungen stünden noch an - auf einer Fläche so groß wie das Münsterland.

Hehemann ermuntert die Menschen im von ihm verlassenen Münsterland zum Widerstand. Er hätte diese Chance nicht gehabt, sagt er. Dafür sei Pouce Coupe nicht dicht genug besiedelt.

Und ihm fehlten die Verbündeten, die die Bürgerinitiativen hier mittlerweile auf ihre Seite gezogen haben: die Gelsenwasser AG oder auch die Politiker aller Parteien vor Ort und im Landtag. Das macht mehr Eindruck als sieben Nachbarn auf einem kleinen Hügel in Pouce Coupe.

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