Das Wunder der dreißig Stimmen
Bachs Weihnachtsoratorium mit dem Tölzer Knabenchor in Burgsteinfurt

Burgsteinfurt -

Nur gut, dass damals niemand auf Albert Schweitzer gehört hat. Der hatte allen Ernstes vorgeschlagen, alle Arien aus Bachs Weihnachtsoratorium zu streichen, damit alle sechs Teile am Stück gespielt werden könnten. Werner Ehrhardt und sein Orchester L’arte del Mondo, vier Solosänger und allen voran der Tölzer Knabenchor ließen dafür lieber den vierten und fünften Teil weg und gaben der Musik den Raum, den sie braucht, um der Weihnachtsgeschichte Gefühl und Lebendigkeit zu verleihen.

Sonntag, 18.12.2011, 10:12 Uhr

Spieltechnisch brillant, wie man es von diesem Orchester gewohnt ist, trug es gleich zu Beginn mit hellstimmig schmetternden Naturtrompeten und aufstampfenden Pauken die silbrigen Stimmen des jugendfrischen Tölzer Knabenchors zu einer prachtvollen Eröffnung. Und die Arien (jawohl, die Arien, Herr Schweitzer ) wehten schlank und farbig durch die Große Kirche in Burgsteinfurt und verbanden ohne manierierte Mätzchen stimmliche Schönheit mit großer erzählerischer Kraft.

Die auch zwischen den Sätzen mit Applaus umtosten Sängerknaben aber setzten Bachs größtem und populärstem Opus eine weihnachtliche Krone auf. In wunderbar natürlichem Tempo, fließend, bar jeder Theatralik und doch überaus empfindsam jauchzten und frohlockten sie mit den Hirten, die das Kind in der Krippe und das Wunder dieser einen Nacht bejubeln.

Über das Wunder dieser dreißig Stimmen aber sollte man ehrfürchtig schweigen; es wäre töricht, ihre unaussprechliche Schönheit durch Worte wiedergeben zu wollen. Wer sie gehört hat, wird sie lange nicht vergessen.

Und die beinahe tausend in der Seele gerührten Zuhörer stapften nach zwei klangsatten Stunden hinaus in die winternasse Nacht, durch die sie ein Hauch zeitloser Gültigkeit nach Hause begleitete.

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