Elisabeth Zöller erzählt eine authentische Geschichte aus Münster
Das Mädel und der Nazi-Vater

Münster -

Mathilda und Paula sind 15 Jahre alt, Freun- dinnen, gehen aufs Annette-Gymnasium in Münster und kommen zwischen Fliegeralarm und Bombenangriffen, Ärger über Ansichten von Lehrern und Eltern und knappem Essen einigermaßen zurecht. Bis Mathilda eines Tages nicht mehr zur Schule kommt. 

Freitag, 23.03.2012, 15:03 Uhr

Elisabeth Zöller erzählt eine authentische Geschichte aus Münster : Das Mädel und der Nazi-Vater
Elisabeth Zöller aus Münster gehört zu den erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautoren in Deutschland. Ihr neues Buch greift eine tatsächlich erlebte Geschichte aus der NS-Zeit in Münster auf. Foto: Susanne Schleyer

Und Paulas Vater, Polizeimajor von Beruf, ihr jedes Treffen mit der Freundin verbietet, weil deren Mutter eine Jüdin ist. Die Juden müssen in Deutschland einen gelben Stern an der Kleidung tragen, sich auf eigene gelbe Bänke in Münsters Promenade setzen, gelten als Volksfeinde.

So genau hat Paula das bisher gar nicht wahrgenommen. Sie ist wie alle Kinder und Jugendlichen in der Hitlerjugend, hat es dort schon zur Scharführerin gebracht. „Ich will die Uniform tragen, die Lieder singen! Und ich will meine Freundin behalten. Keiner kann mir das verbieten, nur weil ihre Mutter eine Jüdin ist.“ Das schwört sie sich selbst. In den folgenden Monaten zerbricht daran ihre Welt. Sie hält den Kontakt zu Mathilda heimlich aufrecht. Ein Loch in einem Baumstamm an der Promenade wird zum versteckten Briefkasten.

So erfährt sie, dass Mathildas Vater nicht mehr als Arzt arbeiten darf und die Mutter versteckt woanders lebt. Für ihren Vater ist Paula nicht mehr die geliebte „blonde Prinzessin“, sondern eine „Volksverräterin“, weil sie seinen Befehlen nicht folgt. Sie will seine Ablehnung irgendwie verstehen, genauer wissen, was er denn für „sein Volk“ macht. Im verdunkelten Münster radelt sie ihm abends nach zu geheimen Einsätzen. Zuletzt in Kleidern ihrer Mutter, um älter und anders auszusehen, zum Güterbahnhof.

Dort beobachtet sie hinter einem Bahnwärterhäuschen versteckt, wie jüdische Familien in einen Sonderzug nach Riga gedrängt werden. Hört ihren Vater Befehle erteilen. Mathilda kann sie in der Menschenmenge nirgends entdecken. Aber der Vater entdeckt sie. Obwohl ein nicht rassistisch eingestellter Polizist sie versteckt hatte. Wieder zu Hause, verprügelt er sie brutal. Und er verstößt sie aus der Familie. In einem Kinderheim muss sie mit ihren körperlichen und seelischen Verletzungen klarkommen.

Die authentische Geschichte aus den Jahren 1941 bis 1943 erzählt Elisabeth Zöller nach dem Bericht einer inzwischen verstorbenen Frau, die unbedingt anonym bleiben wollte. Das Jugendbuch ist eine einmalige Fundgrube. Für Enkel und Urenkel, die ein tiefenscharfes Bild vom Alltag ihrer Großeltern im Weltkrieg bekommen. Für den Geschichtsunterricht über die NS-Zeit, indem es freiwillige und zwanghafte Verstrickungen personenbezogen verständlich macht. Unterrichtsmodelle dazu sind bereits erarbeitet. Auch Großeltern können hier ihre Sicht auf früher vertiefen und vergleichen.

So informativ in realer Umgebung – Münster mit seinen damaligen politischen und kulturellen Strukturen – ist der Kriegsalltag Jugendlichen bislang kaum vorgestellt worden. Elisabeth Zöller: Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel. Jugendbuch, Fischer-Schatzinsel, 268 Seiten, 12.99 Euro.

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