Gutachten zum Fracking
Erdgas-Experten gegen Verbot - Wissenschaftler knüpfen Zustimmung an Bedingungen

Osnabrück -

Ein klares Ja mit deutlichem Aber: Überrascht haben die Ergebnisse des sogenannten Neutralen Expertenkreises in Sachen Erdgas-Suche am Mittwoch niemanden. Die Gutachter sehen für ein Verbot der umstrittenen Fracking-Fördermethode „keine sachliche Begründung“. Ein eindeutiges Nein hätte verwundert. Schließlich hatte der Öl-Multi selbst das Gremium nach massiven Protesten vor einem Jahr ins Leben gerufen.

Mittwoch, 25.04.2012, 20:04 Uhr

Gutachten zum Fracking  : Erdgas-Experten gegen Verbot - Wissenschaftler knüpfen Zustimmung an Bedingungen
Bohrstelle in Pennsylvania (USA) Foto: Andreas Fier

Folglich standen die namhaften Umweltexperten, Juristen, Geologen und Toxikologen immer in dem Ruch, Feigenblatt und Erfüllungsgehilfe zu sein für den Weltkonzern, der auch in Nordwalde , Borken und Drensteinfurt nach Erdgas suchen will. „Wir halten die Fracking-Technologie für kontrollierbar.“ Das war er also, der Satz, auf den es ankam. Prof. Dietrich Borchardt betonte jedes Wort. Dann machte er eine Pause – um dem Wort „Aber“ besondere Bedeutung zu verleihen. Ei­nen Blankoscheck wollen die Wissenschaftler un­ter Leitung des Umweltexperten Prof. Dietrich Borchardt dem Energieriesen nämlich nicht ausstellen.

Das wurde bei der Präsentation der Ergebnisse deutlich. Die Liste der Bedenken ist durchaus stattlich. Nicht nur, dass das Gremium dem Wasserschutz die höchste Priorität einräumt und darum den Einsatz des Fracking-Verfahrens in „Trinkwasserschutz- und Heilquellenschutzgebieten“ untersagt sehen möchte. Vielmehr bemängeln die Fachleute, dass der Stand der Technik noch nicht so ausgereift sei, als „dass eine flächendeckende Förderung denkbar wäre“, sagte Borchardt gegenüber unserer Zeitung.

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Die Experten empfehlen darum zunächst „zwei noch nicht lokalisierte De­mons­tra­tionsbohrungen un­ter realistischen Bedingungen“ und „dem Einsatz der fortschrittlichsten Technik“. Die könne im Einsatz dann ebenso verbessert werden wie die Verfahrensweisen. Denn: „Die größten Risiken bei der Gas-Gewinnung liegen nicht im Un­ter­grund, sondern überirdisch auf den Bohrplätzen.“ „Mit solchen Ergebnissen haben wir gerechnet“, so kommentierte Mathias Elshoff von der Bürgerinitiative gegen Gasbohren in Nordwalde die Ergebnisse der Studie.

Vor Ort verteilten Kritiker Flyer mit der Überschrift: „Schön, dass wir darüber geredet haben.“ Exxonmobil-Europa-Chef Dr. Gernot Kalkoffen sprach von „Kröten, die unser Unternehmen schlucken muss“. Er sagte zu, den Experten-Empfehlungen zu folgen. Nur beim Thema Demonstrati­onsbohrungen blieb er vage. „Die müssten ja unter Produktionsbedingungen stattfinden“, sagt er. „Noch befinden wir uns in der Erkundungsphase.“

Fracking 2

Eine prompte Reaktion kam auch aus Düsseldorf. „Dass die Risiken technologisch beherrschbar sind, muss man bezweifeln“, erklärte Umweltminister Johannes Remmel. Seiner Ansicht nach wird es in NRW in absehbarer Zeit keine Genehmigung für das Fracking geben.

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ZUM THEMA - Fracking-Verfahren

Das Fracking-Verfahren wird eingesetzt, um Erdgas aus dichtem Gestein zu fördern. Unter hohem Druck wird ein Cocktail aus Wasser, Sand und Chemikalien in große Tiefen geleitet. Dadurch entstehen Risse in der Gesteinsschicht, durch die das Gas gefördert werden kann. Vor allem wegen des Einsatzes der teilweise giftigen Chemikalien befürchten Kritiker ein massives Umweltrisiko.

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KOMMENTAR:

Wes Brot ich ess ...

Ein „Ja, saber“ im Ergebnis, das war vorhersehbar. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ – auch wenn der Expertenkreis eine größtmögliche Unabhängigkeit vom Auftraggeber Exxonmobil gesucht und vielleicht auch gefunden hat: Nie konnte er sich vom Vorwurf befreien, am langen Arm des Konzerns zu laufen.

Der Energieriese hatte das Gremium als Antwort auf die massiven Proteste ins Leben gerufen, denen er sich beim Expansionsversuch nach NRW gegenüber sah. Wie sich auch gestern wieder herausstellte, war das ein kluger PR-Schachzug.Was für Exxon letztlich zählt, ist das Ja der Wissenschaftler zum Fracking. Für die Entscheidung pro oder kontra Erdgas-Suche in NRW spielen die Expertise sowieso keine Rolle. Das hat die Landesregierung wiederholt deutlich gemacht. Die Ergebnisse der Exxon-Experten müssen im Zweifel letztlich sich selbst genügen.

von Elmar Ries

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