Gericht sieht Denkmalbehörden als Kostenträger in der Pflicht
Archäologen bangen um künftige Grabungen

Münster/Düsseldorf -

Der Alte Fischmarkt in Münster ist nur ein Beispiel aus der Region: Täglich werden in NRW bei Bauarbeiten archäologische Fun­de gemacht. Seit 20 Jahren kommen Bauherren als sogenannte Verursacher für die Kosten auf: Gilt es doch, gemäß dem Denkmalschutzgesetz von 1980 Bodenschätze zu erhalten.

Freitag, 22.06.2012, 16:06 Uhr

Gericht sieht Denkmalbehörden als Kostenträger in der Pflicht : Archäologen bangen um künftige Grabungen
Ausgrabungen auf der Baustelle Alter Fischmarkt in Münster: Hier trugen noch die Investoren die Kosten. Derzeit müssen Denkmalbehörden für Ausgrabungen aufkommen – und nicht mehr, wie bisher, die Bauherren. Foto: Matthias Ahlke

Diese Praxis des „Verursacher-Prinzips“ wurde jüngst durch ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster gekippt. Das OVG gab in zweiter Instanz der Klage eines Kiesgrubenbetreibers recht, der die Kosten einer Ausgrabung auf seinem Grundstück nicht übernehmen wollte. Begründung: Im Gesetz sei nicht ein­deutig festgelegt, wer die Kosten für ar­chäologischen Arbeiten zu tragen habe.

Das OVG sieht nun die Landschaftsverbände als Denkmalbehörden in der Pflicht. Schätzungen des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) zufolge bräuchten diese dafür zusätzliche Mittel in Höhe von jährlich 30 bis 40 Millionen Euro. Laut Amtsleiter Prof. Jürgen Kunow sinkt die Zahl der Grabungen spürbar, wenn die öffentliche Hand angesichts klammer Kassen keine Gelder bereitstellt.

Dr. Christoph Grünewald, stellvertretender Direktor der Archäologie für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster, findet noch drastischere Worte. „Knackpunkt ist, dass einmalige Geschichtsquellen verloren gehen, wenn wir unsere Arbeit nicht vernünftig tun können – Informationen, die nicht wiederholbar sind.“ Auch die Archäologen schlagen Alarm. „Wir fürchten, dass keine Archäologie mehr stattfindet, dass unersetzliche Kulturgüter einfach weggebaggert werden“, sagt Martha Aeissen von der Interessengemeinschaft (IG) Archäologie NRW .

Die Mitarbeiter archäologischer Gra­bung­s­fir­men und Freiberufler waren bislang mit der Bergung von Funden betraut und werden sich am 29. Juni in Düsseldorf bei ei­ner Demonstration dafür einsetzen, dass eine Kostenübernahme-Pflicht der Bauherren im Gesetz verankert wird. Auf diese Weise würde NRW die 2003 ratifizierte „Konvention zum Schutz des archäologischen Erbes“ (Konvention von Malta) ins Gesetz überführen, wie Thomas Otten, Referatsleiter für Bau- und Bodendenkmalschutz im zuständigen Düsseldorfer Bauministerium, betont.

„Die Archäologie befindet sich im Moment in einer zeitlichen Grauzone, einer gefährlichen Zwischenzeit“, so Otten. „Das ist ein gravierendes Problem und für die Grabungsfirmen existenziell.“ Er sieht im aktuellen Koalitionsvertrag der rot-grünen Landesregierung die Grundlage, das Verursacherprinzip im Gesetz zu verankern und die Gesetzgebung so an bundesdeutsche und internationale Standards anzupassen.

Nach der Sommerpause werde ein entsprechender Evaluierungsbericht vorgestellt. Obgleich es Bauherren gebe, die archäologische Fachfirmen freiwillig beauftragten – in Köln etwa, wo der Baudruck groß sei und sie sich keinen längeren Projektstopp leisten könnten, aber auch in Münster –, sind im Zuge des OVG-Urteils bereits Einsprüche gegen „Kostenauflagen zur Sicherung von Bodendenkmälern“ und Regressforderungen erhoben worden. Thomas Otten vom Ministerium ist guter Dinge, dass damit Ende des Jahres Schluss ist. „Aber natürlich bin ich Ar­chäologe und kein Hellseher.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/941041?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F599353%2F1044099%2F
Nachrichten-Ticker