Vom Erdboden verschluckt
Vermisste im Münsterland stellen Polizei und Familien immer wieder vor ein Rätsel

Münsterland -

Das Schlimmste ist für Ursula Schönborn die Ungewissheit. Seit acht Jahren wird ihr Vater vermisst. Ernst Achterholt ist einer von mindestens sechs Langzeitvermissten im Münsterland. Als langzeitvermisst werden Menschen bezeichnet, die länger als sechs Wochen verschwunden sind.

Donnerstag, 30.08.2012, 07:08 Uhr

Vom Erdboden verschluckt : Vermisste im Münsterland stellen Polizei und Familien immer wieder vor ein Rätsel
Wenn die Polizei nach Vermissten sucht, besteht meist noch die Hoffnung, dass sie leben. Der Großteil der Vermissten wird auch gefunden. Einige bleiben allerdings für immer verschwunden Foto: dpa

Der damals 69-jährige Altenberger verschwand am 24. März 2004 auf der Ferieninsel Teneriffa. Er hatte gerade eines seiner beiden Häuser dort verkauft. 90 000 Euro hatte er damals laut Aussagen seiner Angehörigen in bar in Empfang genommen. „Es gab kein einziges Lebenszeichen seitdem“, berichtet seine Tochter Ursula Schönborn . Die ersten Jahre habe sie nicht mehr durchgeschlafen. „Man denkt immer, er liegt gefesselt in einem Kofferraum.“ Mittlerweile schläft die 57-Jährige wieder besser, die Ungewissheit treibt sie aber trotzdem immer noch um.

Keine einzige Spur nach dem Verschwinden

1205 Anzeigen

Seit Anfang dieses Jahres bearbeiteten die Polizeikreisbehörden Steinfurt, Warendorf, Münster, Coesfeld und Borken insgesamt 1205 Anzeigen von Angehörigen und Sorgeberechtigten. „95 Prozent der Vermisstenfälle erledigen sich innerhalb weniger Tage“, berichtet Udo Potthoff von der Kreispolizeibehörde Steinfurt, der Behörde im Münsterland, die mit 530 Anzeigen bislang am meisten Abgängige verzeichnete. Ebenso wie in den anderen Kreisen kommt diese Zahl  dadurch zustande, dass Kinder und Jugendliche aus Jugendwohngruppen  schon bei geringfügigem Überschreiten der Ausgangszeiten als vermisst gemeldet werden müssen.

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„In zwei Jahren wird er für tot erklärt“, erzählt sie. Hoffnung, dass er noch lebt, hat sie nicht. „Er ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen“, ist sie überzeugt. Bereits im Vorfeld des Hausverkaufs hatte es auf Teneriffa immer wieder Ärger mit der Immobilie gegeben.Trotz umfangreicher Suchmaßnahmen und einem breiten Medienecho ergab sich nach dem Verschwinden nicht eine einzige Spur – Ernst Achterholt ist seitdem wie vom Erdboden verschluckt.

Von einem weiteren Langzeitvermissten berichtet die Kreispolizeibehörde Münster. Es handelt sich dabei um einen 60 Jahre alten Mann, der im August vergangenen Jahres nicht wieder von einer Wanderung durch Nordnorwegen zurückkam. „Möglicherweise ist die Person in eine Gletscherspalte gestürzt“, sagt Polizeisprecher Alfons Probst. „Leider gibt es auch einen Fall bei der Kreispolizeibehörde Borken, bei dem ein Mann seit fast elf Jahren als vermisst gilt“, sagt Polizeisprecher Peter Lefering auf Nachfrage.

Vermisste aus dem Münsterland

Aus dem Kreis Coesfeld gelten drei Frauen als vermisst, zwei davon als langzeitvermisst. Bereits im Juni 2010 verschwand eine heute 33 Jahre alte Dülmenerin unter unbekannten Umständen. „Spuren führten nach Russland“, so Christoph Menke von der Kreispolizeibehörde Coesfeld. Eine andere Langzeitvermisste sei eine 52 Jahre alte Frau, die ebenfalls aus Dülmen stammt. Sie verschwand im Juni dieses Jahres aus einer Klinik. Viele Rätsel gibt der Polizei das Verschwinden von Matilde Niehoff aus Olfen auf. Die 65-Jährige kam vor wenigen Wochen nicht vom Nordic Walking zurück. „Umfangreiche Suchaktionen blieben bislang erfolglos“, so Menke. Niehoff gilt als leicht orientierungslos. In Ahlen wird seit über sieben Jahren Bernd Schirrmacher vermisst. Der damals 23-Jährige wurde zuletzt am 4. Februar 2005 in Dortmund gesehen. Die Mutter hatte damals Vermisstenanzeige erstattet.

Gründe für plötzliches Verschwinden

Obwohl die Ermittler von einem Verbrechen ausgehen mussten, ist bis heute keine Leiche gefunden worden. Orientierungslosigkeit, Demenz, Sucht, Suizidabsichten sowie Unzufriedenheit mit der Lebenssituation sind häufige Gründe für das Verschwinden, berichten die Kreispolizeibehörden. Bei denen, die nie zurückkehren, seien „natürlich Straftaten nicht auszuschließen“, sagt Michaela Heyer vom Landeskriminalamt. Sie weiß auch, dass den Angehörigen damit nicht geholfen ist. Die Ungewissheit bleibt auch nach Jahren.

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