Klinikbetrieb gehört mittlerweile fast zum Alltag
In Rheine ist der Freigang komplett gestrichen

Rheine -

Handgearbeiteter Weihnachtsschmuck in den Grünanlagen – Kleintiergehege mit Hase und Huhn direkt daneben: Die Maßregelvollzugsklinik in Rheine strahlt hinter den meterhohen Sicherheitszäunen auf den ersten Blick eine idyllische Gemütlichkeit aus. „Wir legen schon Wert auf eine schöne Gestaltung“, sagt Klinikleiterin Dr. Carola Spaniol.

Samstag, 01.12.2012, 07:12 Uhr

Klinikbetrieb gehört mittlerweile fast zum Alltag : In Rheine ist der Freigang komplett gestrichen
Freigang bekommen die Patienten in der Forensik-Übergangsklinik in Rheine nicht. Das hat die Stadt ausgehandelt. Foto: Sven Rapreger

Die „Übergangsforensik“, wie sie von Politikern und im Volksmund in der Emsstadt genannt wird, hat nämlich eine Besonderheit: Die Patienten erhalten im Laufe ihrer Therapie keine Lockerungen. Wer also allein oder in Begleitung im Rahmen der Therapie Freigang erhalten soll, der muss zunächst in eine andere Klinik des Landschaftsverbandes verlegt werden. Diese Tatsache hat sicher entscheidend dazu beigetragen, dass das Reizthema Forensik in Rheine viel von seiner Brisanz verloren hat.

Groß war der Aufschrei im Jahre 2004, als die Landesregierung dringend Entlastung für die damals einzige westfälische Klinik in Eickelborn schaffen musste. Die Stadt Rheine verhandelte aber sehr geschickt, ließ sich unter anderem eine Obergrenze von maximal 90 Patienten vertraglich zusichern – und den Verzicht auf Freigang. Die anfängliche Aufregung wich im Laufe der Jahre einem vorsichtigen Interesse an der Einrichtung. „Wir haben pro Jahr zwischen 500 und 600 Besucher, die sich unsere Einrichtung zeigen lassen“, berichtet Spaniol .

Darunter sind kirchliche Gruppen genauso wie Oberstufenkurse der örtlichen Gymnasien oder Klassen der Schule für Berufe im Gesundheitswesen. Schön findet Spaniol, dass sich auf diese Weise nach und nach auch Vorurteile abbauen. Denn am Ende wird in dem Fragebogen nach der Führung fast immer ein Häkchen bei der Feststellung gemacht, „Eine Forensische Klinik hatte ich mir ganz anders vorgestellt“. Der Betrieb der Klinik mit immerhin 140 Mitarbeitern gehört heute weitgehend zum Alltag in Rheine.

Örtliche Lieferanten und Handwerker sind inzwischen Dienstleister, und Pferd samt Trainer für den Kurs „Therapeutisches Reiten“ in der Klinik kommen aus der Nachbarschaft – die naturgemäß vor der Errichtung am schärfsten gegen die Forensik protestiert hatte. Bereits 2007 hatte der Rat die für fünf Jahre genehmigte Klinik bis zum Jahre 2016 verlängert. Dann muss das Land der Stadt das Gelände der ehemaligen Holländerkaserne wieder übertragen. Ob die Gesundheitsministerin erneut anklopfen und um Verlängerung bitten wird, wenn die neue Klinik in Hörstel bis dahin nicht fertig sein sollte? Wundern würde man sich in Rheine nicht.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1309950?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F599353%2F1759118%2F1310336%2F
Nachrichten-Ticker