Skandal an Kliniken
Organspende-Aktivist Dieter Kemmerling ist nach Mauschelvorwürfen frustriert

Münster -

Dieter Kemmerling hat vor zwölf Jahren eine Leber bekommen, weil seine eigene plötzlich nicht mehr funktionierte. „Ich war vergiftet“, sag er über die Zeit vor dem neuen Organ. Nach den Mauscheleien rund um die Organspende hat der Aktivist der Initiative „No Panic for Organic“, die sich für die Verbreitung des Organspendeausweises einsetzt, „echt einen Hals“, wie er im Gespräch mit unserem Redakteur Stefan Werding sagte.

Donnerstag, 03.01.2013, 15:01 Uhr

Dieter Kemmerling hat angesichts der Mauscheleien bei der Organspende „einen Hals“, wie er sagt.
Dieter Kemmerling hat angesichts der Mauscheleien bei der Organspende „einen Hals“, wie er sagt. Foto: Foto: Martin Kalitschke

Sie müssen sich doch wahnsinnig ärgern über die Ärzte, die sich bei der Organspende nicht an die Regeln halten.

Kemmerling : Ich habe da echt einen Hals. Die Zahl der Organspender in Deutschland sinkt sowieso schon - auch durch die jüngsten Skandale . Durch diesen Paukenschlag aus Leipzig zum Jahresanfang sind noch weniger Menschen bereit, ihre Organe zu spenden. Ihr Vertrauen schwindet. Für Ärzte, die sich nicht an die Spielregeln halten, habe ich null Verständnis. Hätten wir genügend Spenderorgane, dann gäbe es auch keinen Missbrauch. Wie will man einen Mangel, der tödlich endet, gerecht verwalten? Der Gesetzgeber muss schärfere Kontrollmechanismen einführen. Das System muss auf den Prüfstand, wir müssen einen Neuanfang wagen.

Wie sollte der denn aussehen?

Kemmerling: Wir brauchen eine Widerspruchslösung (Anmerkung der Redaktion: Anders als bisher müssten Bürger ausdrücklich widersprechen, dass ihre Organe verpflanzt werden). Nur das würde die Zahl der Organspender erhöhen. Alles andere wird die gegenwärtigen Zustände nicht gravierend ändern. Wenn die Krankenkassen ihren Mitgliedern Briefe schicken, in denen sie sie ermuntern, sich für die Organspende zu entscheiden, ist zu befürchten, dass ganz viele Briefe ungelesen in den Papierkorb geworfen werden. Aber trotzdem kriegt die Politik das nicht geregelt. Wir müssen damit leben. Aber wir werden damit schlecht leben.

Wie viele Organe fehlen?

Kemmerling: Wir haben zurzeit in Deutschland 1300 Organspender im Jahr. Wenn wir schon 3000 hätten, wären wir aus dem Schneider. Dabei gibt es geschätzt etwa 10 000 bis 12 000 Hirntote pro Jahr in Deutschland, die als Spender in Frage kommen.

Beschreiben Sie doch mal, wie sich ein Patient fühlt, der erfährt, dass er dringend ein neues Organ braucht.

Kemmerling: Sie stehen unter Schock. In der Uniklinik liegen zurzeit Menschen, die bekommen mit, dass andere absprachewidrig ein Organ bekommen, obwohl sie eigentlich dran sind. Das ist psychisch gesehen eine Katastrophe. Es ist erstaunlich, mit wie viel Hoffnung sie da liegen und sagen: „Es wird schon klappen“. Aber die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache. Das ist deprimierend. Und es ist doch nicht nötig.

http://www.nopanicfororganic.de

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