Anzugträger und das Abi ohne App
Philipp Riederle über Missverständnisse zwischen den Generationen

Greven/Münster -

Mit Videofilmchen im Internet hat alles begonnen – inzwischen ist Philipp Riederle ein kleiner Star. Der 17-Jährige, der sich gerade auf sein Abitur vorbereitet, reist durchs Land und hält Vorträge, bei denen er Wirtschaftsvertretern seine Generation erklärt. Am 4. April kommt er nach Greven. Im Vorfeld sprach unser Redaktionsmitglied Gunnar A. Pier mit dem Bayern..

Freitag, 08.03.2013, 15:03 Uhr

Ein 17-jähriger Vortragsreisender:  Philipp Riederle erklärt Wirtschaftsvertretern seine „Generation Y“.
Ein 17-jähriger Vortragsreisender:  Philipp Riederle erklärt Wirtschaftsvertretern seine „Generation Y“.  Foto: Thomas Zueger

Herr Riederle , Sie bereiten sich gerade aufs Abitur vor. Gibt‘s da keine App für?

Riederle: (lacht) Da gibt es bestimmt etwas, aber das dürfen wir ja nicht einsetzen.

„Abitur“ klingt so altmodisch!

Riederle: „Reifezeugnis“ eben. Aber was dieses Reifezeugnis besagen soll, ist mir auch schleierhaft. Körperliche Reife? Oder geistige Reife durch Auswendiglernen? Ich weiß nicht…

Wieso verschwenden Sie dann Ihre Zeit dafür?

Riederle: Unabhängig davon, dass ich in den vergangenen Jahren schon in viele Bereiche Einblick nehmen konnte, möchte ich trotzdem mein Abitur machen, um später alle Möglichkeiten zu haben.

Was wollen Sie denn nach dem Abi machen?

Riederle: Nachdem ich das Abi bestanden habe, möchte ich ein Jahr selbstständig weitermachen, um ein wenig Orientierung in der Erwachsenenwelt zu finden. Im Jahr drauf kommt auf jeden Fall ein Studium in Frage.

Sind Sie ein guter Schüler?

Riederle: Kann man so sagen, ja. Ich bin jedenfalls in den Fächern gut, die mich momentan interessieren.

Sie reisen seit einiger Zeit durchs Land und halten Vorträge auf Kongressen und bei Unternehmen. Warum wissen Sie, was die nicht wissen?

Riederle: In meinen Vorträgen geht es hauptsächlich darum, wie meine Generation tickt, die „Generation Y“. Das wissen die Anzugträger schon deshalb nicht, weil sie meistens 30 Jahre älter sind. Andererseits beschäftige ich mich seit drei Jahren ganz bewusst mit diesem Thema. Ich lese viele Studien und Erhebungen darüber. Und dadurch, dass ich 2010 meine eigene kleine Unternehmung gegründet habe, kann ich ganz gut als Vermittler fungieren. Ich habe halt einen kleinen Einblick, wie geschäftsmännisches Denken funktioniert, obwohl ich ein so junger Angehöriger der jungen Generation bin. Diese ganzen Faktoren verrühre ich in einem Topf.

Was ist das größte Missverständnis zu Ihrer „Generation Y“?

Riederle: Bei den Alten, bei den „Digital Ignorants“, hört man häufig: „Die daddeln doch nur, die kommen gar nicht mehr raus in die echte Welt, was soll aus denen nur werden?“

Und das ist falsch?

Riederle: Dieses „Daddeln“ ist ja kein sinnloses auf-dem-Ding-rumtippen. Das hat viel mehr Facetten. Es kommen ganz viele kommunikative Ebenen hinzu. In meiner Gedankenwelt gehe ich davon aus, dass Kommunikation die Grundlage für jedes Handeln ist. Deshalb verändern diese neuen Kommunikationsstrukturen auch ganz stark, wie wir jungen Menschen denken, mit welcher Geisteshaltung wir durchs Leben gehen, wie wir uns informieren, wie wir lernen und arbeiten.

Aber wenn mir im Zug ein junges Pärchen gegenübersitzt, und beide tippen nur auf ihrem Smartphone rum statt miteinander zu sprechen, darf mir das schon komisch vorkommen, oder?

Riederle: Wenn die beiden ein Buch in der Hand halten, ist es ja die selbe Handlung, und Sie wundern sich nicht. Es kommt ja ganz auf die momentane Nutzungssituation an. Der Gegenüber kann ja auch gerade auf seinem Smartphone seine Doktorarbeit überarbeiten…

Wie schwer ist es für Sie, den Anschluss an Ihre „Generation Y“ zu halten?

Riederle: Naja, ich lebe ja in meiner Generation und verändere mich mit ihr. Aber ich sehe das an meinem kleinen Bruder, der ist neun Jahre jünger als ich. Mich hat bei dem vom Hocker gehauen, dass er noch selbstverständlicher mit den digitalen Technologien umgeht als meine Generation. Der hat sich schon mit dem Rechner Fußballergebnisse abgerufen, als er noch nichtmal lesen und schreiben konnte.

Birgt das nicht auch Probleme?

Riederle: Es gibt kritische Erhebungen, die klagen, dass Kinder im Grundschulalter heute einen massiv kleineren Wortschatz haben als vor einigen Jahren, weil sie anscheinend keine Kinderbücher mehr lesen, sondern den ganzen Tag vor „ Angry Birds “ auf Mamas iPhone sitzen. Ob das nur Panikmache der Kulturpessimisten ist, wissen wir erst in ein paar Jahren.

Ihr Vortrag in Greven ist überschrieben mit „24 Stunden online - 0 Stunden Freizeit?“. Sind Sie 24 Stunden online?

Riederle: Ich habe üblicherweise mein Smartphone in der Tasche und bin überall auf der Welt für jeden abrufbar und erreichbar. Dieses „Internetz“ ist immer da, wie die Luft zum Atmen. Trotzdem stelle ich natürlich die Frage: Muss das so sein?

Also wissen Sie auch noch nicht, ob das Segen oder Fluch ist?

Riederle: Da gibt‘s kein „Segen oder Fluch“. Es ist doch dasselbe wie bei der Erfindung der Dampfmaschine. Damals sind auch ein paar Leute gestorben, als Dampfmaschinen explodiert sind. Trotzdem hat das zu der Welt beigetragen, in der wir jetzt leben. Alles hat seine positiven und seine kritischen Seiten. Die Dosis macht letztlich das Gift.

Wann schalten Sie Ihr Telefon ab?

Riederle: Nachts.

Und während der Klausuren.

Riederle: Muss ja.

Alles klar, vielen Dank - und viel Erfolg beim Abitur!

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