Sprachkurse für Klinikmitarbeiter
Plattdeutsch kann Demenzpatienten ein Stück Heimat zurückgeben

Nordwalde -

Manchmal reichen zwei, drei Wörter, sagt Agnes Koschny. Dann wird das Gesicht ihrer Senioren „ganz hell“. Die Betreuungsassistentin im St. Augusti­nushaus in Nordwalde kürt ein wenig platt. Das bisschen Muttersprache reicht, um den Bewohner, die mit platt groß geworden sind, ein Gefühl von Heimat zu geben. „Dann fangen sie an zu lachen und Erinnerungen kommen hoch“, sagt die 47-Jährige.

Donnerstag, 27.06.2013, 14:06 Uhr

Mit der Erkenntnis liegt sie nicht allein. Nach einem Papier des Bundesrats für Niederdeutsch (BfN) brauchen Kranke und Senioren nicht nur Lebensmittel und Medizin. „Der Gedanke, dass zu einer umfassenden Pflege auch ein sensibler Umgang mit der Sprache gehört, setzt sich erst allmählich durch,“ sagt Reinhard Goltz vom BfN. Dabei fänden beeinträchtigte Menschen durch das Plattdeutsch einen leichteren Zugang zu der sie umgebenden Welt“.

In dem Nordwalder Altenheim ist schon länger klar, dass platt hilft, die Türen zu den Bewohnern zu öffnen. Seit einem Jahr kommen Agnes Drees und Margret Bockholt einmal im Monat vorbei und lesen aus Büchern vor. Bei den Geschichten über junge, tölpelige Bauern auf der Freite, über Kiepenkerle und Fahrradtouren sitzen einige der 23 Zuhörer starr auf ihren Stühlen, andere lachen und glucksen über jeden Kalauer. Plötzlich fängt Ulla Albersmann an zu singen. Sie legt das schwarz-weiße Kuscheltier, das sie die ganze Zeit an ihre Brust drückt, zur Seite, um die Hände frei zu haben. „Bi Knabbeln, Miälk un Roggenbraud/ bi Schinken un bi Klaoren/ sin wuorden ik so taoh un graut/ un auk so olt an jaohren“, singt sie.

Das ist genau das, was Agnes Drees und Margret Bockholt erreichen wollen. „Unser Ziel ist, die Menschen zum Erzählen zu bringen,“ sagt Agnes Drees, die 30 Jahre als Fußpflegerin in dem Heim gearbeitet hat und jetzt ehrenamtlich Geschichten erzählt. Wenn die Senioren die vertraute Sprache hören, die sie aus ihrer Kindheit kennen – und wenn sie sich vielleicht sogar nur noch an die erinnern – dann ist das Platt die letzte Brücke ins Leben. Denn schon als Fußpflegerin hat Agnes Drees begriffen: „Wenn ich gemerkt habe, dass die platt küren, dann habe ich sofort in platt geantwortet. Dann hatten wir’s zugange.“ Schließlich sei der Umzug in ein Heim für viele Bewohner auch ein Schritt in die Fremde. Platt könne ihnen da Halt geben.

Der Haken: Das Personal spricht heute so gut wie gar kein Platt mehr. Eine Mitarbeiterin wie Agnes Koschny ist da für das Heim ein Glücksfall. Die Asklepios-Kliniken in Hamburg-Wandsbek und -Harburg sind schon einen Schritt weiter: Sie bieten ihren Mitarbeitern inzwischen Sprachkurse in Platt an, damit es nicht beim „Moin, moin“ bleibt. Die Chefärztin der Abteilung für Geriatrie, Dr. Ann-Kathrin Meyer, ist überzeugt, dass das Platt meist gute Erinnerungen an die Kindheit und Jugend weckt. „Das trägt ganz sicher zum Wohlbefinden und damit auch zur Genesung bei. Außerdem erleichtert der freundschaftliche Tonfall und Umgangston von ‚Platt‘ die Kommunikation zwischen Pflegekräften, Patienten und Angehörigen.“ Auch Goltz hat einen regelrechten Boom beim Platt in der Pflege festgestellt. Für ihn ist das höchste Zeit. Er meint: Eine Pflegerin, die durch ihre Sprachwahl zu erkennen gibt, dass sie sich auf ihr Gegenüber einlässt, zeigt den Respekt, den Patienten und Bewohner verdienen.

»Wenn ich gemerkt habe, dass die platt küren, dann habe ich sofort in platt geantwortet. Dann hatten wir’s zugange.“«

Agnes Drees
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