Barackenlager Lette
Wenn der Ur-Opa auf einmal ganz nah ist

Coesfeld/Gescher -

SA-Sportschule, Unterkunft für Zwangsarbeiter, Durchgangslager und Seniorenheim für Ostvertriebene: das Barackenlager Lette hat eine bewegte Geschichte. Wie die Geschichte der Einrichtung auf einmal zu einer ganz persönlichen wird, hat unser Autor Uwe Renners selbst erlebt. Nach 63 Jahren stand er auf einmal vor dem Grab seines Uropas. Und wusste es nicht...

Montag, 23.12.2013, 17:12 Uhr

Meine Mutter war sechs Jahre alt. Im Juni 1946 muss sie mit ihren Schwestern (vier Jahre und sieben Monate alt) und meiner Großmutter ihre Heimat verlassen. Ihr Vater ist im Krieg gefallen. In Röversdorf im Kreis Goldberg in Niederschlesien (heute Sędziszowa, Polen) macht sich die Familie auf den Weg. Dabei sind die beiden Großväter und die Schwägerin meiner Oma.

Vertreibung

Es ist die Geschichte einer Vertreibung, wie sie in dieser Zeit Millionen erlebten. Eine Zeit der Angst und Entbehrungen – eine Zeit, über die meine Großmutter später kaum geredet hat.

Das Barackenlager Lette

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  • Foto: Wilfried Gerharz
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67 Jahre später flattert eine Einladung des Vereins Grafschaft Glatz auf den Tisch der Redaktion. Es geht um das ehemalige Barackenlager in Coesfeld-Lette, das als SA-Sportschule gebaut wurde und in dem nach Kriegsende Tausende Flüchtlinge für ein paar Tage Zuflucht fanden. Danach wurde es viele Jahre als Seniorenheim für Vertriebene genutzt. Es ist das einzige noch existierende Barackenlager in NRW, wahrscheinlich sogar in Deutschland, hat die Historikerin Ingeborg Höting herausgefunden. 

Mangel

Die verfallenen Gebäude – die Vertriebenen lebten hier auf engstem Raum – lassen erahnen, dass hier der Mangel herrschte. Auf dem angrenzenden Heidefriedhof sind 119 Vertriebene beerdigt. Der Verein Grafschaft Glatz und der Letter Heimatverein wollen in einer der Baracken ein kleines Museum einrichten. Es soll ein Lernort werden, ein Ort, an dem die jüngere Generation Geschichte fühlen kann.

Dass die Geschichte meiner eigenen Familie auf einmal ganz nah ist, ahne ich im Sommer dieses Jahres nicht. Wir berichten über die Initiative und darüber, was sie in Lette auf die Beine stellen will. Am Tag, an dem der Artikel erscheint, klingelt das Telefon in der Redaktion. Meine Mutter: „Weißt du eigentlich, dass dein Uropa dort gelebt hat und dort gestorben ist?“ „Nein, das weiß ich nicht.“ Bei meiner Geburt war er seit 21 Jahren tot. Es war nie ein Thema. Bis zu diesem Tag im Sommer.

63 Jahre später

Hermann Karl Seifert ist am 31. Januar 1870 geboren. Er starb am 29. August 1950 im Alter von 80 Jahren im Barackenlager in Lette. Sein Grab trägt die Nummer eins, er war der Erste, der auf dem Friedhof begraben wurde. 63 Jahre später stehe ich vor seinem Grab.

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Das alte Barackenlager. Foto: Wilfried Gerharz

Die Zeit war furchtbar. Tagelang fuhr die Familie im überfüllten Viehwaggon. „In der Mitte hatten die Männer ein Loch für die Notdurft gesägt“, erinnert sich meine Mutter. Endlich kam sie mit ihren Schwestern und den beiden Opas Hermann Karl Seifert und Paul Ohmann in Rheine an. Von dort ging es nach Gescher. Die siebenköpfige Gemeinschaft landete auf einem Hof in der Bauerschaft Estern. „Wir hatten alle zusammen einen Raum auf dem Speicher. Wir haben auf Stroh geschlafen“, erinnern sich die beiden ältesten Schwestern.

Betteln

Die Mutter geht betteln, damit die Kinder Kleidung bekommen. Gibt es Kartoffeln, werden sie im Prütt des Malzkaffees gebraten. Irgendwann wird Paul Ohmann krank, muss gepflegt werden. „Es war zu eng“, sagt meine Mutter. Der andere Opa entschließt sich 1947/48, ins Vertriebenenheim nach Lette zu gehen. Dort, so hofft er, ist er unter Schlesiern mit dem selben Schicksal. „Wir sind oft mit dem Rad nach Lette gefahren und haben ihn dort besucht“, erinnert sich meine Mutter. Zu Weihnachten und an Geburtstagen macht sich Hermann Karl Seifert auf den Weg nach Gescher. Der 78-Jährige gelernte Maurerpolier läuft die 20 Kilometer lange Strecke zu Fuß. Annemarie Renners: „Er hatte Sehnsucht nach seiner Familie.“ Am 28. August 1950 starb er. „Auf der Sterbeurkunde steht Herzversagen“, berichtet die Historikern. Sie hat auch ein Dokument mit seiner Unterschrift entdeckt. „Es sind die vielen Einzelschicksale, die diesen Ort so interessant machen“, sagt sie.

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Das alte Barackenlager. Foto: Wilfried Gerharz

Ich werde demnächst mit meiner Mutter nach Lette fahren. Mal sehen, was sie dann so erzählt.


Das Barackenlager wurde 1933 als „SA-Sportschule errichtet. 1935 übernahm es der Reichsarbeitsdienst (RAD). Nach Kriegsende waren ab April 1945  ausländische Zwangsarbeitskräfte untergebracht. Ab 1. Mai 1946 bis Ende September 1946 nutzte es der Kreis Coesfeld als Durchgangslager für Ostvertriebene. Ab Oktober 1946 wurde das Lager als spezielles Altenpflegeheim für Ostvertriebene eingerichtet. 1950 bekam es den Namen „Heidehof“. Ein Initiativkreis von Heimatvertriebenen plant  mit dem Heimat- und Verkehrsverein Lette dort einen Lernort einzurichten. Spenden und Unterstützer sind willkommen. www.barackenlager-lette.de

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