Musikalisches Gebäck
Kreisrunde Hefefladen mit Tradition: Die Heimatfreunde Ladbergen und ihre Eiserkuchen

Diethelm Jasper-Hildebrand streichelt sanft über die Innenseite des Eisens. Er hält das schwarze Etwas, das an einer Stelle offenbar in grauer Vorzeit repariert worden ist und seitdem von flachen Nieten zusammengehalten wird, vorsichtig in Händen. Genauso, als handele es sich dabei um ein kostbares Oeuvre, das nur ja nicht fallen gelassen werden darf.

Sonntag, 29.12.2013, 16:11 Uhr

Irgendwie ist das unscheinbare Ding tatsächlich ein Schatz. Gewissermaßen ein Dokument der Zeitgeschichte, das seinen Wert erst dem offenbart, der genau hinschaut. „Gucken Sie sich mal die Jahreszahl an!“ Die Aufforderung ist noch nicht verklungen, da liest der Leiter des Ladberger Heimatmuseums sie schon selber vor: „1666.“

Er macht eine bedeutungsvolle Pause, ehe er aufklärt, warum diese Zahl auf dem Eisen eine solche Tragweite hat: „In Ladbergen sind schon kurz nach dem 30-jährigen Krieg Eiserkuchen gebacken worden.“ Für die Mitglieder des Heimatvereins heißt das unmissverständlich: Das Gebäck ist ein echtes Ladberger Gebäck.

Noch heute besitzen viele Familien in Ladbergen ein Eisen, um damit die berühmten Kuchen über dem offenen Herdfeuer zu backen. Jene kreisrunden Fladen aus Hefeteig, die ursprünglich als Gebäck für die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostermontag gedacht waren. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie auf jedem Hof in Ladbergen gebacken. Fleischlos, kein Ei drin. „Genau das, was in der Fastenzeit erlaubt war“, kommentiert Petra Jasper-Hildebrand.

Um die 1000 Eisen soll es in Ladbergen noch geben. Das jedenfalls schätzt der Vorsitzende des Heimatvereins, Heinrich Lagemann. Die meisten Eisen sind mit Ornamenten und Namen verziert, einige auch mit Jahreszahlen. Wie das gute Stück von 1666, das vom Hof Fleddermann-Ehrmann stammt und dort seit Jahrhunderten im Gewichtskasten einer alten Standuhr verwahrt wird.

Backen von Eiserkuchen

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  • Foto: Wilfried Gerharz
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Rezepte für Eiserkuchen gibt es in Ladbergen vermutlich ähnlich viele wie Eisen. „Jede Familie hat ihr Rezept“, erzählt Ulla Maneke. Mal kommt Anis hinein, mal Honig, mal Sirup oder Rübenkraut. Erst beim Backen wird der Unterschied deutlich: Manche Eiserkuchen sind weich, andere knusprig. Sie selbst erinnert sich noch gut, wie die Fladen in ihren Kindertagen nach dem Backen in die leere Milchkanne wanderten. Dort herrschte offenbar genau das passende Klima, um die Eiserkuchen lange frisch zu halten. „Wer auf dem Feld gearbeitet hat, steckte sich ein paar der Lappen in die Hosentasche und hat unterwegs abgebissen“, weiß Rolf Hakmann. Ein karges westfälisches Pausenbrot – immerhin machte es satt.

„Wenn das Eisen heiß ist, soll man backen . . .“ Diethelm Jasper-Hildebrand legt los. Am Feuer ist es jetzt mehr als muckelig. Die Eisen glühen vor. Sie liegen auf Birkenstumpen, die an die brennenden Scheite im Herdfeuer grenzen. Diethelm Jasper-Hildebrand reißt sich vom dicken Teigklumpen in der Schüssel ein Stückchen ab, drückt es in die Zange – und hält es in die Flamme. Sein Kollege Friedhelm Maneke mag es ordentlicher: Sein Teigstück wird zunächst sorgfältig zur Kugel gerollt, und wandert erst dann zwischen die Eisen.

Sobald die schwarzen Zangen in der Flamme hängen, beginnt ein Piepkonzert. Jedenfalls dann, wenn der Bäcker die Zange ordentlich im Griff hat und die flachen Scheiben fest zusammendrückt. „Ja, das kostet schon Kraft“, schmunzelt Petra Jasper-Hildebrandt und weiß, wieso Eiserkuchen-Backen meist Männersache ist. Der Hefeteig geht in der Hitze auf, die Luft entweicht. Es piept. Der Sound am Feuer macht klar, wieso die Eiserkuchen auch Piepkuchen genannt werden. Ein wirklich musikalisches Gebäck.

In Nullkommanichts füllt sich der Korb vor dem Feuer. Ein Eiserkuchen nach dem anderen wandert hinein. Das ist fast schon Backen im Akkord. Und das am Feuer. Kein Wunder, dass sich die emsigen Bäcker ihrer Pullis entledigen oder die Zange gern mal einen Stuhl weiter reichen.

Ein Kilogramm Teig ergibt etwa 40 Eiserkuchen. Während früher auf Zucker, Ei und Butter verzichtet wurde, dürfen die Fladen heute gehaltvoll sein. Einziges Kriterium: Zu weich darf der Teig nicht sein, sonst zerfließt er im Feuer. Die Tradition des Eiserkuchen-Backens wird in Ladbergen inzwischen wieder von vielen Vereinen gepflegt. Im Advent geht es los. Diethelm Jasper-Hildebrands Enkeltochter wartet dann schon sehnsüchtig darauf, dass der Opa endlich das Eisen zückt. Alt werden die Eiserkuchen nicht, auch wenn sie theoretisch lange haltbar sind. Vorher sind sie alle aufgegessen. Kein Wunder.

Im Vergleich zu den kargen Anfängen werden die Eiserkuchen heute nicht mehr gebacken, um nach dem Kirchenkalender Verzicht zu üben. Zum Glück: Sonst müssten die Heimatfreunde auf gemütliche Abende am Herdfeuer verzichten. Sie knabbern die Fladen und gönnen sich ein Bier oder einen Wacholderschnaps dazu. Ein wirklich geselliges Gebäck.

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