Zeugin der Nazi-Gräuel
Holocaust-Überlebende Marga Spiegel in Münster gestorben

Münster/Ahlen -

Marga Spiegel hatte ein bewegtes Leben. Ihre Familie war von den Nazis verschleppt und ermordet worden, sie selbst überlebte die Herrschaft der Nationalsozialisten versteckt bei einer Bauernfamilie in Herbern bei Ascheberg. Jetzt ist sie im Alter von 101 Jahren gestorben.

Dienstag, 11.03.2014, 10:03 Uhr

Ein über 100 Jahre währendes Leben, das war für die damals gut 30 Jahre alte Marga Spiegel Anfang der 40er Jahre ganz und gar nicht vorstellbar. „Ich habe nie gedacht, dass ich so alt werden würde“, das haben Freunde und Weggefährten schon bei längst vergangenen Geburtstagen von Marga Spiegel gehört. In der Nacht ist sie im Alter von 101 Jahren in einem Altenheim in Münster gestorben. Wie Sharon Fehr , Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Münster, bestätigte, verstarb sie nach langer Leidenszeit um kurz nach Mitternacht.

Trauer um Marga Spiegel

Am Freitag wird sie um 11 Uhr in der Familiengruft auf dem jüdischen Friedhof in Ahlen (Sedanstraße 120) öffentlich beigesetzt. Ab Mittwoch (10 Uhr) wird in der Synagoge in Münster (Klosterstraße 8-9) ein Kondolenzbuch ausliegen.

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Lebensretter blieben Freunde

Ihre Familie aus dem oberhessischen Oberaula war von den Nazis verschleppt und ermordet worden, sie lebte über zwei Jahre mit ihrer kleinen Tochter Karin versteckt bei der Bauernfamilie Aschoff in Herbern bei Ascheberg. Über diese dramatische Phase ihres Lebens schrieb sie selbst den 1969 veröffentlichten Tatsachenbericht „Retter in der Nacht“, Vorlage für den Kinofilm „Unter Bauern“.

Die Nachkommen der Aschoffs, die ihr Leben riskierten, als sie Mutter und Kind aufnahmen, waren lebenslänglich Marga Spiegels Freunde geblieben. Auch ihr Mann Siegmund überlebte den Krieg, getrennt von Frau und Kind, in einem Versteck. Wieder vereint bauten sie sich nach dem Krieg ihr Leben in Ahlen neu auf.

Ihre Kinder – nach dem Krieg bekamen die Spiegels noch einen Sohn – wollten als Erwachsene nicht im Land der Mörder ihrer Familie leben. Ihre vor einigen Jahren verstorbene Tochter wanderte nach Amerika aus, der Sohn nach Spanien.

 

Einsatz gegen das Vergessen

Nach dem Tod ihres Mannes Anfang der 80er Jahre zog Marga Spiegel nach Münster, hier wurde sie aktiv in der jüdischen Gemeinde, besuchte ungezählte Schulklassen als Zeitzeugin.

Gerade die letzten Jahren hielten für Marga Spiegel noch einmal besondere Herausforderungen bereit. Dazu gehörte der Kinofilm, in dem sie von Veronica Ferres gespielt wird und der sie 2009 international berühmt machte. Sie trat mit Ferres bei „Wetten dass“ auf, jettete nach New York, Jerusalem und zum Filmfestival nach Lorcarno, stand unzähligen Journalisten Rede und Antwort.

Im Jahr 2010 wurde der Jubilarin das Bundesverdienstkreuz für ihre unermüdliche Aufklärungsarbeit verliehen. Und seit Kurzem trägt die neu gegründete Sekundarschule in Werne, wo die Aschoffs sie von 1943 bis 1945 versteckten, den Namen Marga Spiegel.

Ihr 100. Geburtstag am 21. Juni 2012 wurde mit einem Benefizkonzert im Erbdrostenhof gefeiert. 2013 erhielt sie den Ehrenpreis der Stiftung Cinema for Peace.  Und noch vor knapp vier Monaten wurde die mittlerweile 101-Jährige in Düsseldorf mit dem Verdienstorden des Landes NRW ausgezeichnet .

Verdienstorden für Marga Spiegel

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  • Vor 70 Jahren hatte Marga Spiegel sich bei Bauernfamilien im Münsterland vor den Nazis versteckt.

    Foto: Federico Gambarini
  • So überlebte die heute 101-Jährige den Holocaust.

    Foto: Federico Gambarini
  • Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Münster, Sharon Fehr, gratuliert ihr zum Verdienstorden.

    Foto: Federico Gambarini
  • Die stellvertretende Ministerpräsidentin, Sylvia Löhrmann, übergab ihr den Orden.

    Foto: Federico Gambarini
  • In ihrer Laudatio lobte Löhrmann das Engagement der Holocaust-Überlebenden.

    Foto: Federico Gambarini
  • Marga Spiegel tritt als Zeugin der Gräueltaten der Naziherrschaft seit Jahrzehnten dafür ein, dass diese Zeit nicht in Vergessenheit gerät.

    Foto: Federico Gambarini
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