Trauer um Marga Spiegel
Ende eines filmreifen Lebens

Was für merkwürdige Paradoxien dieses Leben doch bereithalten kann. Dunkel wandelt sich hier und da in Licht, aus Schrecken formt sich mitunter Genugtuung. Kaum jemand wusste das besser als Marga Spiegel.

Donnerstag, 13.03.2014, 08:03 Uhr

Münster Während der NS-Zeit war sie, die damals in Ahlen lebende Jüdin, verfemt. Gemeinsam mit ihrem Mann Siegmund und ihrer kleinen Tochter Karin überlebte sie die barbarische Gräu­el nur, weil Bauern aus dem Münsterland sie von 1943 bis 1945 vor den Schergen des Regi­mes versteckten.

Die Geschichte wurde 2008 mit Veronica Ferres und Armin Rohde in den Hauptrollen verfilmt. „Unter Bauern“ verhalf der da schon Betagten, die nach dem Tod ihres Mannes nach Münster gezogen war, zu später Bekanntheit und jener Anerkennung, die ihr in jungen Jahren versagt worden war.

Am Dienstagmorgen ist Marga Spiegel an den Folgen einer Krankheit gestorben. Sie wurde 101 Jahre alt.

„Eine große jüdische Persönlichkeit hat uns verlassen“, erklärte Sharon Fehr, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. „In mir ist ein großes Gefühl der Trauer “, sagte Joachim von Mengershausen, der „Unter Bauern“ produziert hatte.

Schreiben als Mittel der Verarbeitung: 1969 erzählte Marga Spiegel ihre Lebensgeschichte in dem Buch „Retter in der Nacht“, das später Vorlage für den Film wurde. Vor sechs Jahren, bei einem Gespräch mit dieser Zeitung, erklärte sie, warum sie den Text verfasst hatte und weshalb ihr der Kinofilm, der in Locarno, Jerusalem und auch New York gefeiert wurde, so am Herzen lag.

Das eine war so wenig verspätete Anklage wie das andere keine späte Eitelkeit war. „Ich habe das Buch geschrieben, um mich bei meinen Rettern zu bedanken“, sagte sie. Und der Film war ihr wichtig, weil er mahnt und ermahnt, und überdies zeigte, was eigentlich nicht zu verstehen ist: Welch leichtes Spiel der Ungeist selbst in einer Zivilgesellschaft haben kann, und wie dünn der Firnis der Kultur mitunter ist. Für ihre unermüdliche Aufklärungsarbeit wurde Spiegel vielfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt sie 2013 den Landesverdienstorden.

Marga Spiegel war eine bemerkenswerte Frau. Selbstbewusst und energiegeladen, gebildet, belesen, ausgestattet mit viel Humor und noch mehr Lebensweisheit. Eine Frau, die sich Weltbürgerin nannte und genauso lebte. Die gesund alt geworden war und zufrieden sein konnte.

Ob sie ihr Leben unterm Strich als schön bezeichnen würde, wurde sie einmal gefragt. „Ich fand es in Ordnung“, hatte sie darauf geantwortet. Das Wort „schön“ empfand sich mit Blick auf das Erlebte als unpassend. Weil sie immer gerne ein selbstbe stimmteres Leben gelebt hätte. Eines, in dem sie nicht schon als junge Frau zum Opfer wurde – worunter sie bis zum Ende litt.

Am Freitag wird Marga Spiegel auf dem jüdischen Friedhof in Ahlen beerdigt. Der dient seit Jahrzehnten eher als ein Ort der Erinnerung denn der Beisetzung. Weil in Ahlen schon lange keine Juden mehr leben. Das letzte Begräbnis fand dort 1982 statt. Beigesetzt wurde damals Marga Spiegels Ehemann Siegmund.

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