Täter werden immer dreister
Taschendiebe bitten zum Tanz

Münster -

Auf einmal geht alles blitzschnell. Während sich vor dem Cineplex die Nachteulen nach Mitternacht vor dem Kino sammeln, um in Richtung Hafen oder Clubmeile zu ziehen, tritt Einsatzleiter Jürgen Tölle aufs Gaspedal.

Dienstag, 18.03.2014, 17:03 Uhr

 Der Kriminalhauptkommissar lässt mit seinem zivilen Einsatzfahrzeug die rote Ampel Ampel sein, dreht auf der Kreuzung und fährt mit Vollgas über die Bordsteinkante auf den Vorplatz der Halle Münsterland. Den zwei jungen Männern, die dort gerade noch mit bester Laune herschlendern, sackt das Herz in die Hose.

Das Auto bleibt knapp 50 Zentimeter vor ihnen stehen. Jürgen Tölle springt aus dem Auto, in diesem Moment rasen zwei weitere Fahrzeuge auf den Vorplatz. Türen springen auf, Beamte in Zivil springen aus den Autos und überwältigen einen der beiden Männer. Der andere versucht zu flüchten, kommt aber nicht weit. Auch er wird überwältigt. Er ist gerade 13 Jahre alt, wie sich später herausstellt.

Zugriff

Zuvor haben die Beamten beobachtet, wie die beiden jungen Männer – der 20-Jährige ist ihnen gut bekannt – eine Frau in die Zange nehmen, die in einer Bushaltestelle sitzt. Die beiden platzieren sich links und rechts neben ihr, sprechen sie an und gehen auf Tuchfühlung. Das geht ein paar Minuten so, dann greift der 13-Jährige in die Handtasche der Frau. Die merkt, dass etwas nicht stimmt und versucht, das Weite zu suchen. „Das reicht uns, das geht als versuchter Diebstahl durch“, sagt Tölle und gibt über Funk den Befehl zum Zugriff.

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Tölle gehört zum Sondereinsatz „Bekämpfung des Taschendiebstahls“. Immer öfter werden Smartphones, Geld und Jacken gestohlen. „Die Täter kommen überwiegend aus Nordafrika“, sagt Tölle und schiebt hinterher: „Das ist ein Armutsproblem. Die haben nichts und sie haben auch nichts zu verlieren.“ Das Elend der Welt bleibe nun einmal nicht vor Münster oder dem Münsterland stehen. „Aber wir wollen hier keine Verhältnisse wie in anderen nordrhein-westfälischen Städten“, sagt der Polizist. In einer Stadt sind dort vor ein paar Wochen in drei Tagen über 50 Taschendiebe in Untersuchungshaft gegangen.

Observation

„Wir wissen nicht, ob sie organisiert sind. Wir wissen aber, dass die Handys in Deutschland nicht wieder auftauchen. Das spricht dafür, dass sie Aufträge abarbeiten“, erklärt der Polizist. Die Beamten observieren seit Wochen bestimmte Treffpunkte. Der Alkohol spielt den Tätern in die Hände. Die meisten Partygänger sind nicht mehr nüchtern. „80 Prozent der Taschendiebstähle könnten verhindert werden, wenn die Leute aufmerksamer wären“, sagt sein Kollege Heiko L. Außerdem fühlen sich viele junge Frauen erst einmal geschmeichelt, wenn die Männer sie „antanzen“ und Komplimente machen.

Tipp

Die Polizei rät, zum Feiern nur ein altes, einfaches Handy mitzunehmen und das teure Smartphone zu Hause zu lassen. Beim Discobesuch gehören auch keine EC- oder Kreditkarten in die Geldbörse. Bis auf den Personalausweis und eventuell den Führerschein raten die Beamten, auf alle anderen Karten zu verzichten.

...

Türsteher

Die Polizei ist seit Wochen in den Nachtstunden unterwegs. „Wir wollen, dass die Täter wissen, dass sie hier keine freie Bahn haben“, sagt Tölle. Da spricht er auch den Club- und Kneipenbesitzern aus der Seele. Die Türsteher haben einen guten Draht zu Tölle, sie telefonieren regelmäßig miteinander.

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Der 13-Jährige sitzt mittlerweile auf der Wache, auf der Fahrt hat er sich im Polizeiwagen übergeben. „Er ist total betrunken“, sagt Tölle und zeigt Mitleid. „Was hat er noch in seinem Leben zu erwarten, wenn er mit 13 schon hier sitzt?“, fragt sich der Kommissar. Diese Nacht verbringt der Junge in einem Kinderheim in Münster.

Dunkelziffer

Die Dunkelziffer bei Taschendiebstählen ist wahrscheinlich sehr hoch. Viele merken den Verlust ihres Handys oder ihrer Geldbörse erst am anderen Tag und gehen davon aus, dass sie sie verloren haben. Schätzungen zufolge kommen auf eine polizeilich gemeldete Tat drei Taten, die nicht gemeldet werden.

...

Untersuchungshaft

Auf dem Rückweg von dort geht es mit Vollgas zurück in die Stadt. Dort nehmen die Polizisten zwei Männer fest, die einer Frau das Handy geklaut haben. Die kommt um 5 Uhr auf die Wache, um es abzuholen. „Wir wollten einen Döner essen“, erzählt die 24-Jährige. Den Diebstahl hat sie nicht bemerkt, der Inhaber der Dönerbude hat sie darauf aufmerksam gemacht. „Die Polizei war in zwei Minuten vor Ort“, lobt sie die Beamten. Der 15-jährige Täter hat auf der Flucht das Handy unter ein Auto geworfen. Er schläft in dieser Nacht in einer Zelle. Der Richter ordnet Untersuchungshaft an.


Kommentar

Polizisten sind oft die Prügelknaben der Nation. Den Beamten, die ihre Nächte damit verbringen, den Tätern auf die Spur zu kommen, kann man aber nur Respekt zollen.Mit Fingerspitzengefühl, der nötigen Härte wenn es darauf ankommt und ohne Vorbehalte gegenüber anderen Kulturen gehen sie ihrer Arbeit nach. Während andere feiern, werden sie mit dem Rand der Gesellschaft konfrontiert. Die, die immer über die Polizei meckern, sollen die Beamten eine Nacht begleiten. Danach reden sie anders. Ganz sicher.

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