Debatte über Helmpflicht
Klinik-Direktor: „Jedes Opfer ist eines zu viel“

Münster -

Eine gesetzliche Helmpflicht würde volkswirtschaftlich  mehr schaden als nutzen , befand eine Studie von Verkehrswissenschaftlern aus Münster. Fahrradfahren ohne Helm, kommt für den Direktor der Unfallchirurgie an der Uniklinik nicht in Frage. Er warnt: „Jedes Opfer ist eines zu viel."

Mittwoch, 02.04.2014, 12:04 Uhr

Nach dem Winter ist vor dem Frühling. Nach den tiefen Temperaturen und dem vielen Schnee der vergangenen Monate ist die Sehnsucht der Menschen nach Luft und Sonne groß. Auch Professor Michael J. Raschke , Direktor der Klinik für Unfall- Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Uniklinik Münster, nimmt auf dem Weg zur Arbeit fast nur das Fahrrad. Obwohl er schon ahnt, was in den kommenden Wochen auf ihn und seine Kollegen zukommen wird. Das hat er unserem Redakteur Stefan Werding verraten.  

Hallo Herr Raschke, sind Sie schon nervös, weil die Fahrradsaison wieder losgeht?

Raschke: Nein, wir sind hier ein Hochleistungsbetrieb. Hier ist immer Saison. Natürlich haben wir noch nicht so viele Fahrrad- und Motorradunfälle, sondern sind derzeit mit Skiunfällen beschäftigt. Wir behandeln zurzeit jede Menge Knieverletzungen und Schienbeinbrüche. Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Jetzt fangen die Leute wieder an, mit ihren Fahrrädern durch die Gegend fahren.  

Wie passieren die Unfälle?

Raschke: Am Ende des Winters liegt immer noch ein bisschen Rollsplitt vom Streuen herum, an manchen Stellen ist es matschig, und die Leute sind noch nicht so sicher mit den Fahrrädern unterwegs. Da landet schon mal der ein oder andere auf die Nase.  

Welche Verletzungen haben die Leute, die zu Ihnen kommen?

Raschke: Wir sehen Verletzungen in allen Ausmaßen. Von leichten Schürfwunden über schwere Gesichts- und Schädelverletzungen bis hin zu Schädel-Hirn-Verletzungen – oft im Zusammenhang mit Alkohol auf dem Fahrrad. Wer völlig betrunken ist, fällt ungeschützt, weil die Schutzreflexe nicht mehr funktionieren. Dann bleiben die absichernden Bewegungen aus. Gerade heute Morgen sind drei Patienten eingeliefert worden, weil sie betrunken mit dem Rad gestürzt sind.  

Was die Münsteraner von der Helmpflicht halten

Die meisten Radfahrer ignorieren den Fahrradhelm. Nur, weil er doof aussieht?

Raschke: Auch, aber nicht nur. Und weil jeder von uns glaubt, dass Unfälle immer nur den anderen passieren. Aber wir sehen hier Tag für Tag, dass Bruchteile von Sekunden ein Leben komplett ändern können. Im Stadtgebiet tragen vielleicht fünf Prozent aller Radfahrer einen Helm. Das ist schon beunruhigend. Und in den Momenten, in denen er am nötigsten gebraucht wird, nämlich nachts und wenn Radfahrer etwas getrunken haben, dann haben sie ihn nie auf. Das Becken, das Schienbein, den Arm – das können wir alles reparieren. Aber Verletzungen am Schädel sind oft unumkehrbar. Da können wir oft nichts machen.  

Fahren Sie ohne Helm?

Raschke: Niemals, nicht nur, weil ich als Direktor der Unfallklinik nicht besonders glaubwürdig wäre, sondern auch, weil ich die Folgen von Unfällen Tag für Tag sehe. Auch ich bin vor drei Wochen wieder angefangen, mit dem Rad in die Klinik zu fahren.  

Was? Ich hätte Ihnen zugetraut, dass Sie den Winter durchfahren.

Raschke: Wissen Sie, wann ich hier anfange?  

Ist ja gut, ist ja gut. Wann rechnen Sie wieder mit den meisten Unfällen?

Raschke: Wir erfassen in den Kliniken drei Mal so viele Unfälle wie die Polizei. Im Mai ist die Zahl am allerhöchsten – und zwar morgens zwischen 7 und 8 Uhr. 

Immerhin hat sich in den vergangenen Jahren in der Verkehrssicherheit schon viel getan.

Raschke: Das kann sein, aber wir können uns nicht damit zufriedengeben. Es muss immer weitergehen. Jedes Opfer ist eines zu viel. Hinzu kommen neue Gefahren – wie die E-Bikes. Da sehen wir jetzt mehr Fälle, weil sie so unheimlich schnell sind. Gerade älteren Menschen fehlt dafür aber oft die Koordinationsfähigkeit. Ältere Menschen kommen damit zwar schneller, aber auch mit höherem Risiko ans Ziel.  

Können Sie als Arzt bei der Vorbeugung helfen?

Raschke: Wir haben eine Kampagne mit der Polizei gestartet, bei der wir Abiturienten in die Klinik einladen. Für die spielen wir eine Unfallsituation nach, bei der ein Auto einen Radfahrer verletzt. Wir zeigen, wie ein Notarzt arbeitet, wie eine Unfallstelle abgesichert wird, wie klassische Erste Hilfe geleistet wird. Die Jugendlichen kommen zu uns in den Hörsaal, der wie ein Schockraum aufgebaut wird. Wir würden gerne mit dem Bundesverkehrsministerium eine Initiative starten, die Fahrradfahren zum Schwerpunkt hat. Drücken Sie uns die Daumen.  

Welche Unfälle kommen im Frühling noch auf Sie zu?

Raschke: Immer öfter versorgen wir Kinder, die sich beim Trampolinspringen verletzen. Dass die Kinder mit den Köpfen aneinanderstoßen, gehört noch zu den harmlosen Verletzungen. Schwieriger sind Verletzungen im Bereich des Sprunggelenks oder des Beckens.  

Würden Sie Ihren Kindern deswegen das Trampolinspringen verbieten?

Raschke: Nein, das nicht. Aber man sollte schon darauf achten, dass nicht zu viele Kinder gleichzeitig auf einem Trampolin spielen. Zusätzlich beginnen viele Mitbürger mit dem Frühjahrsputz in Haus und Garten. Dafür steigen sie auf die Fensterbank, auf Hocker, Stühle und Leitern. Und von denen fallen sie dann herunter.

 

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