Mediziner kritisieren fehlenden Versorgungsauftrag
Unter Hochdruck

Münsterland -

Die Meldung ließ die Öffentlichkeit betroffen innehalten. Ein Jugendlicher kommt in Laer bei einem Gasunfall ums Leben. Der 15-Jährige hatte mit ei­nem Freund im Keller des Einfamilienhauses Computer gespielt und dabei einen Heizstrahler mit Propangas eingeschaltet. Die Feuerwehr misst später einen erhöhten Kohlenmonoxid-Wert.

Samstag, 03.05.2014, 10:05 Uhr

Für den 15-Jährigen kommt jede Hilfe zu spät. Der 16-Jährige wird in eine Spezialklinik geflogen – nach Wiesbaden . Weil es dort eine Druckkammer mit 24-Stunden-Bereitschaft gibt. Für Dr. Gordon Rossbach ein Unding. Denn auch in Münster gibt es eine solche Einrichtung. Der Facharzt schüttelt den Kopf. „Immer wieder heißt es in den Medien: NRW braucht mehr Druckkammern, um Opfer von Rauchgasvergiftungen effizienter behandeln zu können“, moniert er. „Dabei haben wir genug Kammern, unter anderem hier vor Ort.“ Allein, dem Arzt fehlen der Versorgungsauftrag vom Land – und damit Zuschüsse für Intensiv-Ausstattung sowie die 24-Stunden-Bereitschaft des Personals. Derzeit stemmen er und seine Kollegen diese ehrenamtlich und auf eigene Kosten. Doch sei die ständige Vorhaltung eines Anästhesisten, um instabile Notfall-Patienten zu überwachen, „wirtschaflich nicht darstellbar, solange kein klarer Auftrag da ist“. Aus diesem Grund können Krankenhäuser wie das Uniklinikum Münster Rossbachs Leistungen nicht abrechnen.

Schwer verletzte Patienten mit akuten Rauchgasvergiftungen würden am Klinikum meist nur erstversorgt, sagt UKM-Sprecherin Judith Becker. „Anschließend werden sie an spezielle Zentren überwiesen.“ Tatsächlich wird das Gros der Vergiftungsfälle aus dem Münsterland nach Wiesbaden, Kiel oder Murnau geflogen. Zwar gibt es in Aachen und Düsseldorf Druckkammern mit intensivmedizinischer Betreuung. Doch stehen sie – aufgrund des fehlenden Versorgungsauftrages – nicht 24 Stunden bereit. Notärzte und Feuerwehren appellieren daher immer wieder an das Gesundheitsministerium , die Kammern anzuerkennen – wie derzeit in Hessen gehandhabt. 18 Jahre ist es her, dass Rossbach die Druckkammer in seiner Praxis installiert hat. Er behandelt dort Patienten nach Hörstürzen und Knalltraumata, Menschen mit chronischen Wunden oder nach Tauchunfällen. Opfer schwerer Gas-Vergiftungen bleiben derzeit die Ausnahme. Dabei erhöhen Katastrophen wie die in Laer den Druck auf die Behörden. Vor ei­nem Jahr hat das NRW-Gesundheitsministerium eine Bedarfsabfrage auf den Weg gebracht, die in Kürze ausgewertet werden soll. Wie viele Fälle von Kohlenmonoxidvergiftungen gibt es übers Jahr in NRW? „Wir haben die Rettungsstellen der Kommunen um Zahlen gebeten“, betont Ministeriumssprechern Nalan Öztürk : Nur auf dieser Grundlage lasse sich die Entscheidung über Versorgungsaufträge treffen. Öztürk schränkt jedoch ein: „Selbst durch Aufnahme von Druckkammern in den Krankenhausplan könnte das Land die Träger nicht verpflichten, eine Druckkammer – noch dazu rund um die Uhr – zu betreiben.“ Krankenhausträger müssten dazu bereit sein, hätten bislang aber weiteren Bedarf angezweifelt.

Die Hyperbare Sauerstofftherapie

Die Hyperbare Sauerstofftherapie stammt aus der Tauchmedizin. In der Notfallmedizin wird sie auch bei schweren Vergiftungen mit Kohlenmonoxid eingesetzt. Ob nach Wohnungsbränden oder gar einem Holzkohlegrill-Feuer (Mitte April waren in Wuppertal zwölf Gäste einer Grillparty vergiftet worden): Durch den auf das 1,5 bis 3-fache der Norm erhöhten Druck in der Kammer nimmt das Blut mehr Sauerstoff auf. Auf diese Weise werden das giftige Kohlenmonoxid aus Blut und Gewebe entfernt und so neurologische Schäden verhindert. Laut Nalan Öztürk vom Gesundheitsministerium NRW verfügt das Land über mehrere Druckkammern. Eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung für Patienten, die intensivmedizinische Betreuung brauchen, gibt es jedoch nicht.

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