Probleme bei der Blutspende
Ruhig Blut

Gute Planung, erfahrene Chirurgen, aufwendige technische Verfahren – die Anästhesistin Dr. Andrea Steinbicker* und Privatdozent Dr. Georg Geißler vom Institut für Transfusionsmedizin an der Uniklinik sind in Zeiten schwacher Spendenbereitschaft gezwungen, effizient mit Blut umzugehen. Im Interview beschreiben sie, wie sie das machen. Klar wird: Es ist mühsam.

Samstag, 31.05.2014, 11:05 Uhr

Als Journalist bekommt man ständig Meldungen auf den Tisch, dass es an Blutspendern fehlt. Was können Sie gegen den Mangel tun?

Georg Geißler : Bei einem Mangel sind nicht alle Blutprodukte gleichmäßig betroffen; je nach den Erfordernissen der Patienten suchen wir manchmal ganz bestimmte Blutgruppen. Besonders nachts sowie an Wochenenden und Festtagen kann die Versorgung mit Blut erschwert sein. Dann rufen wir zu einer Blutspendeaktion genau für Spender dieser Blutgruppe auf. Wir haben immer mehr ältere Patienten mit einem hohen Bedarf an Blutkonserven. Dagegen stehen immer weniger junge Leute, die Blut spenden.

Was können die Ärzte am UKM machen, um Blut zu sparen?

* Andrea Steinbicker , Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Institut für Transfusionsmedizin und Transplantationsimmunologie: Unser „Patient Blood Management Program“, also „Patientenblutmanagement-Programm“, umfasst viele Möglichkeiten, vor, während und nach einem operativen Eingriff Blut zu sparen. Vor einer größeren, planbaren Operation prüfen wir, ob den Patienten rote Blutkörperchen zum Sauerstofftransport fehlen. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Blutverlust durch Transfusionen ausgeglichen werden müsste. Das wollen wir am Universitätsklinikum Münster vermeiden.

Wie?

Steinbicker: Indem wir nach den Ursachen einer Blutarmut suchen. Häufig ist ernährungsbedingter Eisenmangel ein Grund. Aber auch eine Entzündung oder ein Tumor können einen Eisenmangel auslösen. Solche Patienten können eine Eiseninfusion erhalten. Bis zur Operation hat der Körper dann Zeit, selbst wieder vermehrt rote Blutkörperchen zu bilden.

Wie lange braucht ein Körper dafür?

Steinbicker: Hierzu ist ein längerer Abstand sinnvoll, wir empfehlen mindestens vier Tage vor einer Operation bis zu vier Wochen, je länger desto besser. Am UKM sind durch solche Vorbehandlungen mit intravenösem Eisen schon verschiedene Transfusionen vermieden worden.

Schon gewusst?

4.000.000 Erythrozytenkonzentrate (rote Blutkörperchen zum Sauerstofftransport) wurden nach Auskunft des Paul-Ehrlich-Instituts 2012 in Deutschland eingesetzt. Dazu kamen über eine Million therapeutische Plasmen (Blutflüssigkeit mit Gerinnungsfaktoren) und ca. 500.000 Thrombozytenkonzentrate (Blutplättchen für die Blutgerinnung).

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Geißler: Gegebenenfalls wird man vorab schon die individuell geeigneten Blutprodukte nach gezielten Blutspenden herstellen oder bei anderen Blutspendediensten einkaufen. Dazu sprechen wir unsere Blutspender gegebenenfalls gezielt per E-Mail oder Telefonanruf an.

Und was können Sie bei einem Notfall tun?

Geißler: Dann helfen nur das möglichst kontinuierlich gut gefüllte Blutdepot und die enge Kooperation mit anderen Blutspendediensten. Daher werben wir seit Jahren kontinuierlich für unsere freiwillige Blutspende. Uns ist besonders an treuen Wiederholungsspenderinnen und -spendern gelegen, da wir dann besser kalkulieren und Engpässen begegnen können. Diese treuen Wiederholungsspender helfen uns auch bei den gezielten Bitten um „Engpass-Spenden“.

Steinbicker: Wir können den Blutverlust auch während der OP reduzieren. Es geht natürlich nichts über exzellente Chirurgen. Wir können Blut beispielsweise während der Operation sammeln und dem Patienten zurückgeben. Weil Unterkühlung, Kalziummangel, Volumenmangel und Übersäuerung die Blutungsneigung begünstigen, kontrollieren wir die Körpertemperatur, den Kalziumspiegel, das Gesamtvolumen in der Blutstrombahn und den pH-Wert des Bluts engmaschig.

Die Öffnungszeiten machen es einem Blutspender nicht leicht: Bei Ihnen ist mal von 11 bis 19, mal von 8 bis 15 Uhr geöffnet. Das macht es vor allem berufstätigen und spendewilligen Blutspendern nicht immer leicht. Wenn Blutspenden so wichtig ist: Müsste das UKM dann nicht auch flexibler sein?

Geißler: Wir sind anhaltend bemüht, unsere Spenderzahlen zu steigern. Und wir sind auch flexibel: beispielsweise war am 1. Mai eine Spezialspende möglich. Wir haben zudem jeden ersten Samstag im Monat geöffnet, und auch die Zeiten bis 19 Uhr tragen dazu bei, dass Berufstätige am UKM spenden können. Längere Öffnungszeiten müssen sich lohnen. So haben wir mit einer Verlängerung der Freitagsspende die Spenderzahlen erhöht. Viele andere Spende-Einrichtungen verkaufen die freiwilligen, unentgeltlichen Blutspenden gewinnorientiert an medizinische Versorger. Dort kaufen wir ein, wenn wir einen Mangel an Blutprodukten haben. Unsere hausinternen UKM-Verrechnungspreise liegen unter solchen Marktpreisen und entsprechen den Herstellungskosten.

Was bekommt denn ein Blutspender, wenn er zu Ihnen kommt?

Geißler: Das ist unterschiedlich und hängt mit der Spendehäufigkeit zusammen. Es sind zwischen zehn und 30 Euro pro Spende, eine Art Aufwandsentschädigung für die Anreise und die Zeit, die investiert werden. Die größte Motivation sollte aber das Wissen sein, dass etwa 80 Prozent aller Bundesbürger mindestens einmal im Leben Blut oder aus Blutplasma hergestellte Medikamente benötigen. Das Thema geht also fast jeden von uns etwas an.

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