Sportschützen
Mit ruhiger Hand gegen ADHS

Dülmen -

Anlegen. Zielen. Abdrücken. Auf dem Schießstand der Sportschützen „SV Brukteria Rorup“ sagt keiner ein Wort. Plötzlich unterbricht ein kurzes Plöpp die Stille. Dann noch eins. Schweigend laden An­dre Kadenbach und Mau­rice Flüshöh (14) ihre Luftgewehre nach.

Samstag, 26.07.2014, 06:07 Uhr

Jutta Kock nickt. „Wir ballern hier nicht – wir schießen!“ Breitbeinig steht die Sportleiterin des Vereins neben ihren Schützlingen. Ab und zu korrigiert sie deren Haltung, gibt Anweisungen. Kock betreut zehn junge Leute aus Dülmen-Rorup und Umgebung. Die Über-Zehnjährigen schießen mit einem Lichtgewehr auf eine Zielscheibe, die beim Treffen Signal gibt. Die Über-12-Jährigen dürfen schon ran ans Luftgewehr.

Für Jutta Kock ist Schießen wie Meditation. Das Wechselspiel zwischen körperlicher An- und Entspannung, zwischen Festhalten und Loslassen zieht sie seit 22 Jahren in seinen Bann. „Ist der Schuss erstmal raus, lösen sich die Muskeln, schweift der Blick umher. Bis zum nächsten Schuss“, beschreibt die 50-Jährige.

Diese Mischung ist es, mit der der „ SV Brukteria Rorup “ auf seiner Internet-Seite wirbt. „Sportschießen als Therapie gegen ADHS “, steht da zu lesen. Kinder mit Konzentrations- und Lernschwäche sollen durch den Sport zu mehr Aufmerksamkeit finden. Antonio Perez-Krenz (12) ist eines von ihnen. Seit er bei Jutta Kock trainiert, sei er fokussierter geworden, sagt seine Mutter. „Auch wenn wir noch immer alles durchdiskutieren“, wie die Sportleiterin einräumt. Ausdauer, Konzen­tration, Zielstrebigkeit, Auge-Hand-Koordination und vor allem ruhiges Atmen: Fertigkeiten, die die Schützen den Kindern beibringen wollen. Disziplin ist gefragt, Anpassung an Regeln. „Der Umgang mit der Waffe erfordert klare Strukturen“, betont Jutta Kock. Verantwortung dafür zu übernehmen etwa, sie nur in die Richtung des Ziels zu heben. „Weil sie jederzeit davon ausgehen müssen, dass sie geladen ist.“ Selbsternannte PC-Spiel-Helden, die auf der Suche sind nach dem besonderen Kick, kann sie in ihren Reihen nicht brauchen. „Mit Machtgefühl hat Schießen nichts zu tun, das ist ein Vorurteil“, ist die 50-Jährige überzeugt. Am Schießstand gehe es darum, jeden Schuss mit Bedacht abzugeben. Fange einer an zu ballern, „dann unterbinde ich das. Dafür ist die Munition zu teuer.“

Schießen gegen ADHS: Prof. Georg Romer , Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie am Universitätsklinikum Münster, hält von dem Angebot nichts. „Es ist unseriös und plakativ zu behaupten, bei einer Störung mit Krankheitswert könnten Konzentrationsübungen für sich allein irgendeine heilende Wirkung zeitigen“, stellt er klar. „Das ist nicht belegt“. Um allein die Konzentration eines Kindes zu stärken, gebe es eine Vielzahl an Möglichkeiten. Lego, Puzzle, ein Musikinstrument: Was auch immer das Kind interessiert und es stundenlang in seinen Bann zieht, „hat den gleichen Effekt“. Hinzu komme: Aufmerksamkeitsdefizite seien eingebettet in ein komplexes Entwicklungsgeschehen.

Die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit entwickle sich ab dem Säuglingsalter im Blickkontakt und in Beziehung zu den Eltern. „Daran knüpfen auch therapeutische Schulungen der Konzentrationsfähigkeit an.“ ADHS-Kindern helfen vor allem Übungen, die in eine Beziehungserfahrung eingebettet sind. „Wenn der Vater mit dem Sohn hochkonzentriert Modellbau betreibt“, nennt Romer ein Beispiel. Dies habe einen besseren Effekt, als wenn das Kind dabei allein sei oder die Übung an außenstehende Sportleiter delegiert werde.

Ein wichtiger Aspekt bei ADHS: Auch die Impulskon­trolle ist bei betroffenen Kindern gestört. Das heißt, die Fantasie – auch die überschießende aggressive – geht mit ihnen durch. „Für solche Kinder ist die Heranführung an die Handhabung einer Schusswaffe Gift“, warnt der Psychiater. Für das, was eine Waffe potenziell vermag, sei die Reife bei einem Kind noch nicht vorhanden. „Ist es psychisch krank und labil, kann ich nur sagen: Finger weg von Schusswaffen, auch im Sportkontext.“

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