Neue Studie entlarvt regionale Unterschiede
Operationsgrund Wohnort

Münsterland -

Wer im Kreis Warendorf wohnt, bekommt deutlich seltener seine Mandeln heraus als jemand im Kreis Wesel. Münsteranern wird viel öfter die Prostata entfernt als im Kreis Euskirchen, dafür kommen sie seltener per Kaiserschnitt zur Welt als im Kreis Olpe. Bei der Entfernung des Blinddarms zählt der Kreis Borken bundesweit zu den Kreisen mit den höchsten Operationsraten. Im Kreis Siegen-Wittgenstein gibt es doppelt so häufig einen Bypass wie im Kreis Coesfeld.

Dienstag, 16.09.2014, 17:09 Uhr

Ob ein Patient operiert wird oder nicht, hängt nicht nur von seinem Gesundheitszustand ab, sondern auch vom Wohnort. Das haben Bertelsmann Stiftung und OECD in einer Studie ermittelt. Eine medizinische Erklärung gibt es dafür nicht. Die Studienautoren, die ihre Befunde am Dienstag in Berlin offiziell vorgestellt haben, warnen aber: „Große regionale Unterschiede sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme.“ Brigitte Mohn , Vorstand der Bertelsmann Stiftung, vermutet, dass „offensichtlich andere Faktoren eine Rolle spielen als nur die medizinische Notwendigkeit“.

Angesichts der zum Teil enormen Unterschiede auch in NRW meinte Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne): „Operationen, die allein der Steigerung von Fallzahlen dienen, darf es nicht geben“. Und Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der Unions-Fraktion aus Ahaus, sagte: „Es darf ja nicht vom Wohnort abhängen, ob ich unnötig operiert werde oder nicht. Einem Patienten nütze es wenig, „wenn er zwar qualitativ sehr gut, aber völlig unnötig operiert würde“.

Die Grafik zeigt die großen regionalen Unterschiede.

Die Grafik zeigt die großen regionalen Unterschiede.

Der Studie zufolge könnten betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis über- oder unterversorgt werden. OECD und Bertelsmann Stiftung empfehlen den Ärztekammern und Aufsichtsbehörden dringend, die auffälligen Regionen eingehend zu untersuchen. „Es ist schwer zu verstehen, warum niemand nach den Ursachen forscht. Hinter den Zahlen können sich in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen verbergen“, sagt Mohn. „Wenn es wirklich zu gewichtigen regionalen Unterschieden zu kommen scheint, müssen wir der Sache auf den Grund gehen“, erklärt der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst am Dienstag.

Die Studien stellen fest, dass das Fehlen medizinischer Leitlinien die Gefahr regionale Unterschiede vergrößert. „Leitlinien, die den Handlungskorridor der Ärzte definieren, sollte es für alle operativen Eingriffe geben. Ihre Einhaltung muss strenger kontrolliert werden“, fordert Brigitte Mohn.

Der Warendorfer Hals-, Nasen-, Ohrenarzt Dr. Jan-Hendrik Krömer findet eine Erklärung für die Unterschiede bei den Mandeloperationen schwierig. Für ihn ist der Hauptgrund für die OP der Leidensdruck der Patienten. „Wenn einem Patienten schon fünf Mal im Laufe eines Jahres Antibiotika wegen entzündeter Mandeln verordnet wurden, dann ist das ein guter Grund, die Mandeln zu entfernen“, sagt er. Es gebe keine Standards, die regeln, wann eine Operation nötig sei. Die letzte Entscheidung liege beim Arzt – „zusammen mit dem Patienten“, betont Krömer.

Im Kreis Steinfurt bekamen von 10 000 Patienten im Schnitt 22,89 eine Knieprothese. Das ist deutlich mehr als im Land (18,69) und im Bund (13,74). Dr. Thomas Köhler, Chefarzt am Klinikum Ibbenbüren, kennt das Problem. Schon immer würden die Süddeutschen mehr Knieprothesen bekommen als die Norddeutschen. Die Ursache kennt er nicht.

Vielleicht sind die Norddeutschen einfach nur härter im Nehmen.

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