Schülerschwund an Förderschulen
Nichts ist mehr so wie früher

Steinfurt -

Seit diesem Schuljahr haben Kinder mit einer Behinderung einen Anspruch darauf, in einer Regelschule unterrichtet zu werden. Doch die Inklusion hat eine Kehrseite: Die Förderschulen leiden unter Schülerschwund. Einige müssen ihren Betrieb bald einstellen. Familien, die ihr Kind weiter zu einer Förderschule schicken wollen, sind die Leidtragenden.

Mittwoch, 17.09.2014, 09:43 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 17.09.2014, 09:30 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 17.09.2014, 09:43 Uhr

Die vierte Stunde hat gerade erst begonnen. Aber bei Tom steht die Ampel leider schon auf Rot. Der Schüler der Erich-Kästner-Schule in Steinfurt, der in Wirklichkeit anders heißt, sitzt vor der Schulküche auf einem Stuhl. Zu viel Mist gebaut. Drinnen werden Waffeln gebacken – und gegessen. Aber ohne Tom.

Tom ist nicht der Einzige, bei dem es gerade nicht gut läuft. Auch für den Rest der Schule steht die Ampel auf Rot. Im kommenden Jahr wird die Förderschule schließen. Dieses Jahr passiert dort alles zum letzten Mal: Die letzte Einschulung liegt ein paar Tage zurück, die nächste Weihnachtsfeier und das nächste Sportfest wird es so nie wieder geben.

Inklusion

Seit diesem Schuljahr haben Kinder mit einer Behinderung einen Anspruch darauf, in einer Regelschule unterrichtet zu werden. Damit steht den acht verschiedenen Formen von Förderschulen eine tiefgreifende Veränderung bevor. In fast allen OECD-Ländern ist es Standard, dass behinderte Kinder eine Regelschule besuchen. Im Münsterland gehen dagegen nur knapp 26 Prozent aller behinderten Kinder in eine Regelschule, in Italien, Schweden und Norwegen sind es über 90 Prozent.

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Das „Hallo“ an der gelben Tür zu einem Klassenzimmer verspricht mehr, als es halten kann. Der Raum dahinter steht leer. Von den 250 Schülern, die zu Bestzeiten die Förderschule in Steinfurt-Borghorst besucht haben, kommen in diesem Schuljahr noch 131. Zwei Gründe: Immer weniger Geburten und die Inklusion. Noch gehen zu der Schule Kinder von der 1. bis zur 10. Klasse, die Probleme mit der Sprache, mit dem Lernen und der „emotionalen und sozialen Entwicklung“ haben.

 Nächstes Jahr dürfen nur noch ESE-Kinder im Grundschulalter die Schule besuchen, Schüler also, die früher als „erziehungsschwierig“ bezeichnet wurden. 33 Kinder müssen sich mindestens anmelden, damit die Schule genehmigt werden kann. Es bestehen keine Zweifel, dass es dazu kommt – auch weil die Kinder aus einem größeren Umkreis kommen werden. Aber: In dem Gebäude gibt es 16 Klassenzimmer. Dazu kommen Sprachtherapieräume, Werkräume, Schulküche – all das wird demnächst kaum noch gebraucht. Denn: Die Inklusion bedeutet im Alltag der Schüler und Lehrer Unsicherheit, Veränderung und Chaos.

Der Preis, den die Familien zahlen müssen

Die Kinder mit Sprachförderbedarf werden in einem Jahr zur Schule nach Emsdetten fahren müssen, die mit Lernförderbedarf nach Rheine. Das ist der Preis, den die Familien zahlen müssen, die ihr Kind in einer Förderschule besser aufgehoben glauben als in einer Regelschule. Die ESE-Kinder können bleiben, aber nur, wenn sie in eine der ersten vier Klassen gehen. Sind sie älter, müssen sie aber ebenfalls wechseln – wenn sie nicht in der 8., 9. oder 10. Klasse sind. Die bekommen eine Ausnahmeregelung, dürfen ihren Abschluss in einer Art Außenstelle machen und in Borghorst bleiben.

Förderschüler im Münsterland

Förderschüler im Münsterland

Sozialdezernent Peter Lüttmann begründet, warum der Kreis Steinfurt ein kreisweites Förderschulkonzept erstellt hat: „Ohne unser Konzept würde es schon jetzt deutlich weniger Förderschulen geben. Hätten wir uns nicht schon zu einem so frühen Zeitpunkt auf den Weg gemacht, hätten wir jetzt keine aufnahmefähige Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen.“ Insgesamt sorge das kreisweit abgestimmte Konzept dafür, dass an mindestens elf Standorten Förderschulen stehen werden. „Das Landesgesetz sagt, dass Eltern ein Wahlrecht haben. Wir möchten den Eltern auch faktisch dieses Wahlrecht geben. Sie sollen entscheiden, ob sie ihr Kind auf eine Förderschule oder Regelschule schicken. Das geht aber nur, wenn es auch noch Förderschulen in zumutbarer Nähe gibt“, sagt er. Das Land hat festgelegt, wie viele Kinder sich mindestens pro Schule anmelden müssen. „Darauf haben wir als Kreis keinen Einfluss“, sagt Lüttmann. „Wir können nur das Beste daraus machen.“

„Das bringt Unruhe rein“

Sabine Schillack versucht inzwischen, die üblichen Abläufe aufrechtzuhalten. Seit ein paar Wochen ist sie die kommissarische Schulleiterin, nachdem ihre frühere Chefin zu einer Montessori-Schule gewechselt hat. Bei ihren Kollegen stellt Schillack trotzdem „die gleiche energische Motivation“ fest wie früher. Dabei weiß heute fast kein Lehrer der Erich-Kästner-Schule, wo er in einem Jahr arbeiten wird. Gerade durften sie Wünsche äußern, wo und in welcher Schule sie gerne arbeiten möchten. Ob sie erfüllt werden, steht in den Sternen. Von den 30 Kollegen sind schon jetzt 20 ein, zwei oder sogar drei Tage in Regelschulen, um dort die Förderschüler zu begleiten. „Das bringt Unruhe rein“, sagt Schillack. Abgesehen davon schwindet die Gelegenheit, miteinander über Schüler zu sprechen, wie sie das sonst oft in Konferenzen oder auch zwischen Tür und Angel gemacht haben. Dieser Austausch drohe verloren zu gehen.

Schillack hält den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern für einen richtigen Weg. Nur geht ihr das alles zu schnell. Sie hat Sorge, dass die Kinder in den Regelschulen zu kurz kommen werden. „Wir haben lange gekämpft“, sagt sie über die Debatte um die Zukunft der Erich-Kästner-Schule. Aber sie und ihre Kollegen konnten sich mit ihren Vorschlägen nicht durchsetzen. Die Politiker im Kreis Steinfurt haben sich für ein anderes Modell entschieden. „Ich habe mich damit abgefunden“, sagt die Schulleiterin. Die Zeiten, in denen sie noch rotsieht, sind vorbei. Es geht an den Neuanfang. Und auch für Tom ist die Fahrt wieder frei. Große Pause.

Kommentar zum Thema: Gutes Prinzip, schwierige Praxis

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